Zeitung Heute : Dem Märchen entsprungen

Bernhard Schulz

Die Jahrzehnte des Eisernen Vorhangs haben Böhmen und Mähren als Kulturlandschaften weitgehend aus unserem Bewusstsein gedrängt. Das reiche historische Erbe - Prag einmal ausgenommen - versank im Dunkel hinter dem Eisernen Vorhang. Damit ist es seit der "samtenen Revolution" von 1989/90 zum Glück vorbei; doch noch immer werden die tschechischen Lande nicht in einem Atemzug mit vergleichbaren Gegenden Italiens oder Frankreichs genannt. Dabei hat sich seit dem Ende des kommunistischen Regimes unendlich viel getan. Alter Besitz wurde in erheblichem Umfang restituiert, darunter vor allem rund 200 Schlösser, Burgen und Herrenhäuser. In erfreulich vielen Fällen floss Kapital in die Restaurierung der Bauten. Was sich heute in Böhmen und Mähren präsentiert, ist eine gebaute Kulturgeschichte, die keinen Vergleich mit anderen Reiseländern zu scheuen braucht. Wilfried Rogasch stellt in seinem opulent bebilderten, großformatigen Buch 50 Schlösser und Landsitze aus der vier Jahrhunderte währenden Zeit der Habsburger-Herrschaft vor, gegliedert nach den kunsthistorischen Epochen von Renaissance bis Historismus. Dabei werden nicht nur die vielfach wie aus dem Märchen entsprungenen Silhouetten in postkartenschönen Ansichten vorgestellt, sondern auch die hochinteressanten Innenräume (die Abbildung zeigt die um 1820 errichtete Bibliothek des klassizistischen Schlosses Katschina bei Kutná Hora). Die Bautätigkeit blieb, folgt man dieser Übersicht, stets auf hohem Niveau; zu den Adelssitzen kamen die Gartenanlagen, die bei Rogasch gleichfalls ausführlich dargestellt werden. Nicht zuletzt weisen viele Bauten bis heute ihre originale Dekoration, ja teils sogar Möblierung auf, so dass sich ein kulturgeschichtliches Panorama von beeindruckender Vollständigkeit ergibt.

Mit dem vorliegenden Buch jedenfalls gibt es keine Entschuldigung mehr, Böhmen und Mähren bei der Planung kunstseliger Rundreisen auszusparen.

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