Zeitung Heute : Dem Nachwuchs entkommen

Die Mercedes-Benz Fashion Week vergibt den New Generation Award an junge Berliner Designer

Grit Thönnissen

Was wäre eine Berliner Modewoche ohne die Modedesigner, die hier in den vergangenen Jahren ihre Labels gründeten und jetzt zum Ruf einer neu erwachten Modestadt beitragen. Damit sich auch die jungen Designer einen Auftritt auf der im Juli erstmals stattfindenden Mercedes-Benz Fashion Week leisten können, haben die Organisatoren von der internationalen Vermarktungsagentur IMG den „New Generation Award“ für die besten fünf Nachwuchsdesigner mit Berliner Wohnsitz ins Leben gerufen. Ganz unbekannt sind die ersten drei Teilnehmer, die IMG jetzt bekannt gab, nicht mehr. Genau genommen gehören sie zu den wichtigsten Protagonisten der jungen Berliner Modeszene. Spätestens nach den Schauen in Berlin kann man vielleicht endlich damit aufhören, sie Nachwuchsdesigner zu nennen.

Kaviar Gauche

In der Mode ist man mit Begriffen wie „Kult“ und „Hype“ schnell bei der Hand. Aber wenn es im Moment ein Berliner Designprodukt gibt, das diesen Status verdient, ist es die Lamellentasche von Kaviar Gauche. Halbrund, zusammengesetzt aus verschiedensten Ledermaterialien und Farben, sehen die Taschen aus wie Luxusblasebalge. „Das sind unsere Klassiker“, sagt Alexandra Fischer-Roehler (30). Sie ist die eine Hälfte von Kaviar Gauche. Die andere Hälfte, Johanna Kühl (27), packt gerade einen Koffer für New York. Nicht sie selbst, sondern Gegenstände, die den Designerinnen wichtig sind, sollen in der nächsten Woche in die USA reisen und in einer Galerie als Berliner Designbotschaft gezeigt werden.

Ob eine Tasche dabei sein wird? Das wissen sie noch nicht, immerhin wollen sich die beiden nicht auf Accessoires beschränken lassen. Ihre Kleider sind ihnen ebenso wichtig. Die sind sehr elegant und haben trotzdem nichts von steifer Anlassmode, vor der man sich fürchten muss. Ein Baumwollkleid ist mit einer Lochstickerei verziert, die an alte Wäschestücke erinnert. Den Entwürfen haftet oft etwas Unfertiges an. Einem Magazin sagten die Designerinnen einmal, wenn sie ihre Mode mit einer Band assoziieren sollten, wären es die Einstürzenden Neubauten.

Seit ihrem Diplom an der privaten Modeschule Esmod 2003 arbeiten sie gründlich an der Konstruktion von Leichtigkeit. Ihre damals gefassten Grundsätze gelten immer noch: „Weil wir keine unkomplizierte Streetwear machen, müssen wir ins Ausland.“ In Paris zeigten sie ihre Mode von Anfang an. Im vergangenen September bekamen sie eine Modenschau auf der Londoner Fashion Week gesponsert und im November gehörten sie zu den Teilnehmern des renommierten „Swiss Textiles Award“ in Zürich, den schon Raf Simons, der Chefdesigner von Jil Sander, gewonnen hat.

Jetzt freuen sie sich auf die Modenschau in Berlin: „Das sieht ja niemand, was diese zehn Minuten kosten“, sagt Alexandra Roehler, wohl wissend wie wichtig diese kurze Zeitspanne für die Karriere eines Modelabels sein kann. Dass Kaviar Gauche zu den Labels gehört, die zum Ruhm der jungen Modestadt beitragen, nehmen die zwei gelassen. Gerade haben sie ihr kleines Atelier gegen eine große Arbeitswohnung in der Torstraße eingetauscht, jemanden angeheuert, der die Büroarbeit macht und eine Designassistentin eingestellt. „Jetzt kommen ständig Leute vorbei, aber das macht nichts, wir haben ja Platz.“

C.Neeon

Gerade ist Clara Leskovar aus Barcelona zurückgekommen. Dort hat sie einen Preis der spanischen Modekette Mango entgegengenommen. Sie und ihre Designpartnerin Doreen Schulz gehören mit ihrem Label C.Neeon zu den zehn Finalisten, die den mit 300 000 Euro weltweit höchst dotierten Modepreis gewinnen können. C.Neeon zeigt, wie groß das Spektrum in Berlin ist – das 2003 gegründete Label ist so etwas wie der Gegenpol zu Kaviar Gauche. Die Designerinnen haben sich an der Kunsthochschule Weißensee kennengelernt, Clara Leskovar (31) ist die Textildesignerin, Doreen Schulz (30) für die Schnitte zuständig. Zusammen machen sie Kleidung, die einfach Kunst sein könnte, wenn sie sich nicht so gut tragen ließe: Grafische Muster, die sich auf wunderbar verdrehten Schnitten ausbreiten dürfen. Im vergangenen Jahr zeigte das Berliner Kunstgewerbemuseum ihre Entwürfe in einer eigenen Ausstellung.

Wenn die beiden Designerinnen mal gerade nicht an einem wichtigen Designwettbewerb teilnehmen, entwickeln sie ihre Kollektionen mit solcher Konsequenz weiter, dass es einen jede Saison staunen lässt, was man alles mit Mustern auf Kleidung anstellen kann. Anfang nächsten Jahres wird es C.Neeon auch für die Wohnung geben – für Vorwerk entwerfen die beiden Designerinnen Teppiche. Für Klara Leskovar ist das nur der Anfang: „Irgendwann wollen wir nicht nur den Körper, sondern auch den ganzen Raum um uns herum einkleiden.“

Talkingmeanstrouble

„Reden macht Ärger“, ist ein schönes Motto für ein Modelabel. Und bei Andrea Hartwig (27) kann man das ruhig ernst nehmen. Sie findet, dass man wunderbar mit seiner Kleidung kommunizieren kann und dafür ruhig mal den Mund halten sollte. Die Designerin legt da volles Vertrauen in ihre Kleidung. Und in ihre Schwester Bianca (29), die kaufmännische Hälfte von Talkingmeanstrouble. Ein wenig stolz sind sie schon darauf, ein richtiges Familienunternehmen zu sein.

Während Andrea hinten im Atelier entwirft, steht Bianca vorne in ihrem Laden an der Alten Schönhauser Straße, berät die Kunden, macht nebenbei die Buchhaltung und lässt sich gern von der Mode ihrer Schwester beeindrucken: „Wenn die neue Kollektion kommt, verändert das jedes Mal die Atmosphäre des Raumes.“ Leichtfertig entwirft Andrea Hartwig nicht – sie denkt viel darüber nach, wie ihre Kleider aussehen sollen, und inzwischen entspricht das Ergebnis ihren Vorstellungen. „Langsam komme ich auf den Punkt“, sagt die Designerin.

Das sieht man den Kleidern auch an. Da ist nichts Überflüssiges, etwa bei einem Kleid aus grauer Waschseide. Es hat einen Rock, der weich, aber nicht zu weit fällt, das Oberteil ist eng, aber nicht zu eng: Das perfekte Kleidungsstück für den ganzen Tag.

Direkt nach ihrem Studium an der Berliner Modeschule Esmod hatte sie zusammen mit der Designerin Sarah Elbo das Label Hartbo+L’wig gegründet. Ausgetobt haben sie sich, wilde Geschichten mit ihren bunten, oft kostümigen Entwürfen erzählt. Als Andrea Hartwig im Januar 2005 ihr eigenes Label Talkingmeanstrouble gründete, wirkte das wie ein deutliches Statement zur Abgrenzung. Ihre Entwürfe sind erwachsener - und subtiler. So sieht auch ihr Logo aus: eine leere, schwarze Sprechblase.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!