Zeitung Heute : Dem Schloss ein Fest!

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TRIALOG

Die Bundestagsentscheidung für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses hat mich fast so tief berührt wie die Bundestagsentscheidung für Berlin. Es wäre ein Geschichtsbetrug gewesen, Berlin Hauptstadt zu nennen, Parlament und Regierung aber in Bonn zu lassen. Der Wiederaufbau der Schlossfassade und des Schlüterhofs ist mir eine geschichtliche Wiedergutmachung. Das Schloss ist mutwillig und in symbolischer Absicht gesprengt worden, wie das Potsdamer Stadtschloss oder die Universitätskirche in Leipzig. Auch die Abschaffung der Länder in der DDR vor fünfzig Jahren gehörte in dieses Konzept: Geschichte entsorgen, Erinnerung tilgen, Identitäten zerschlagen, den Bauplatz für den Kommunismus leer räumen.

Kaum war die Mauer gefallen, forderten die ostdeutschen Demonstranten die Wiedererrichtung der Länder. Sie forderten ihre Geschichte zurück. Sie hatten es satt, Versuchskaninchen eines Menschheitsexperiments zu sein. Sie wollten wieder Heimat haben mit Geschichte und Geschichten, solchen und solchen. Ungezählte Fördervereine haben sich seitdem der verfallenden historischen Bauten im Osten angenommen. Sie retten Dorfkirchen, die die geschrumpfte Kirchengemeinde nicht mehr unterhalten kann. Da wirken Einheimische, Ehemalige, die seinerzeit „abgehaun" sind, zugezogene Westdeutsche, Kirchenmitglieder und Nichtmitglieder einträchtig zusammen. Der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden ist nur das prominenteste Beispiel. Das ist zivilgesellschaftliches Engagement.

So begeistert wie die Dresdener von ihrer Frauenkirche sind die Berliner vom Schlossprojekt nicht – noch nicht. Vom rot-roten Senat haben wir erst mal bloß Meckern gehört – und: Wer soll das bezahlen? Bei einer Anhörung zum Schlossplatz hat ein Westberliner einen Polen gefragt, was er denn davon halten würde, wenn das Preußenschloss wieder erstünde. Der hat geantwortet: Wir haben die Marienburg des Deutschen Ritterordens wieder errichtet, weil das auch zu unserer Geschichte gehört. Man kann noch manches von den Polen lernen.

In Ostberlin ist die PDS doppelt so stark wie in den östlichen Bundesländern, weil die SED dort ihre Elite zusammengezogen hat. Sie bekommt trotzdem weniger als die Hälfte der Stimmen. Ihr Landeschef möchte am Schlossplatz der geteilten Geschichte der Stadt Rechnung getragen sehen. Schnapsidee. Besser wäre ein Denkmal der deutschen Einheit vor dem Schloss. Der Kultursenator (PDS) stellt das „bloße Sehnsuchtsbild des Schlosses" gegen die „lebendige Erinnerung der Ostdeutschen“. Meine Erinnerung an jene Geschichtsentsorgung ist aber auch lebendig und ostdeutsch, bloß nicht die der ehemals herrschenden Klasse. Vorschlag: Die PDS spendet ein zweites Eosanderportal. Denn von dem aus hatte Liebknecht 1918 die „Freie sozialistische Republik" ausgerufen – zum Glück vergeblich, das hätte Bürgerkrieg bedeutet. Das ursprüngliche hat die SED ins Staatsratsgebäude eingebaut.

Dass wir mit dem Schlossprojekt so weit sind, wie wir sind, verdanken wir nur Wilhelm von Boddin. Der Mann ist besessen. Der ruiniert sich noch für’s Schloss, wenn wir nicht aufpassen. Jetzt müssen wir die Dresdner überbieten. Hundert-Euro-Aktien für das Schloss, Armbanduhren für das Schloss, einen Stein kaufen für das Schloss. Es darf lange dauern. Aber den Anfang möchte ich gern bald erleben – als Volksfest.

Richard Schröder ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität und Sozialdemokrat. Er schreibt diese Kolumne im Wechsel mit Wolfgang Schäuble und Antje Vollmer.

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