Zeitung Heute : Dem Schöpfer auf der Spur

Ralf Schönball

Edmund Heidner ist ein Überzeugungstäter. Sagt er. Der Mann in den Vierzigern mit dem kurz geschorenen, etwas lichten blonden Haar verkauft Immobilien. Pardon, Lehmhäuser. Ob man darin wohnen kann? Natürlich, es lässt sich sogar gut darin leben, weil das Material natürlich ist. Keine Chemie nirgends. Alles öko, eben. Und deshalb auch ein bisschen teurer als das sonst am Markt Übliche. Etwa zehn Lehmhäuser stehen schon in und um Berlin. Heidner bewohnt keins davon. Er residiert in einer Villa aus der Jahrhundertwende, mit gothisierenden Fenstern und mittelalterlichen Burgtürmen. Und einem großen Garten. Im besten Teil Berlins. So wie erfolgreiche Unternehmer halt. Heidner brachte einstmals Konzertflügel an den Mann, später Computer, dann Grundstücke. "Das Produkt muss mich überzeugen, wenn ich es verkaufen will", sagt er. Nun also überzeugen ihn Lehmbauten.

Auf der Landstraße Richtung Schönhagen scheint die Sonne warm. Der Himmel ist blau und das Laub gelb an den Bäumen der Alleen. Die Natur will an diesem Montag klare Farben. Sie ist so rein, wie im Prospekt, so rein, wie der Stoff, aus dem Gott den Menschen erschuf: Lehm. Das sagt Heidner. Und es steht wirklich so in der Genesis vom Mann Moses. Etwas absurd, aber die Menschen glaubten dennoch an die Worte des Herrn. Weil es eine Metapher ist, weiß doch jeder. Aber wer glaubt heute schon noch an Metaphern und stammten sie aus der Bibel? Denn Gott hat sich verborgen in unserer säkularen Welt. Keine Spur mehr von ihm - seine Wege sind unergründlich.

Dennoch finden ausgerechnet einige gestrenge Wissenschaftler zu Gott und zum Glauben, bekehrt von den "Wundern der Natur". Andere glauben einfach nur an die Natur. Ohne Gott. An den Kreislauf des Werdens und an Ökologie. Auch dann steckt ein bisschen von uns auch im Lehm, weil unser Körper zu Asche wird, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Auch in Berlin und der Mark ist Lehm der Stoff, aus dem der "Staub" ist: Das slavische Wort für Lehm ist Glien. Glienike, Glindow und das Ländchen Glien tragen den Rohstoff im Namen. Auch der Erdaushub an der Landsberger Allee ist bester Lehm. Heidner kaufte 17 Tonnen für 250 Mark. "Der Materialwert von dem Lehmhaus in Schönhagen beträgt tausend Mark", sagt der Kaufmann. Billiger gehts nimmer.

Genau genommen besteht Lehm aus Ton, Sand und Kies. Das Ganze möge man gut vermengen mit Holz oder Strohhäcksel vorzugsweise, Wasser dazugeben, zusammendrücken und austrocknen lassen. Die zähe Masse kann der Bauherr auch zwischen zwei Holzschalungen einstampfen. Anders machen die Betongießer es auch nicht mit ihrem chemischen Baustoff. Natürlich trocknet Beton schneller und statt Stahlgeflechte zur Stärkung der Wand nutzen die Lehmbauer Holz oder Steine als "Bewehrung". So hat Dieter Kotras aus Lehm seinen kleinen "Experimentalbau" hochgezogen. Ein Jahr dauerte es, bis das Häuschen stand.

Bevor Kotras in Lehm machte, baute er zwanzig Jahre lang für eine Firma Brücken aus Beton. Dann kam die Wende. Politisch in den neuen Ländern und kurze Zeit später auch persönlich für Kotras. In einem Museumsdorf in Glashütte machte er die Bekanntschaft mit einem "Lehmbauer", wie er sagt. Darauf brach Kotras alle Brücken zu seiner beruflichen Vergangenheit ab, reiste in die Lehmbau-Metropolen Frankreichs und der Niederlande und erprobte anschließend sein Wissen beim Bau jener kleinen Lehmhütte in Schönhagen.

Kotras hat seine dunklen Haare zu einer Vokuhila-Frisur schneiden lassen. Das "VOrne-KUrz-HInten-LAng" ist heute wieder modisch, war es aber vor 15 Jahren auch schon mal. Kotras ist nicht ideologisch, sondern praktisch: "Nein", sagt er als ich ihn frage, ob die Dämmschicht aus Kunststoff unter der Wand nicht das ganze Öko-Konzept zunichte macht: "Bei gewissen Dingen bin ich nicht bereit, Kompromisse einzugehen." Die Plastikfolie verhindere, dass Feuchtigkeit vom Erdboden in die Wände hochzieht. Die Feuchtigkeitssperre ist notwendig, denn Wasser geht mit Lehm einstweilen unheilvolle Allianzen ein: Der Baustoff zerfällt dann zu Brei. Gegen Wasser hilft aber Feuer: Jeder kennt Häuser aus rotem Ziegel, und diese Steine sind auch nichts anderes als Lehm - nur eben gebrannt. Klinkersteine können einen Tag im Wasserbad liegen, und die Feuchtigkeit zieht nur wenige Millimeter ein - ein Lehmbaustein dagegen löst sich nach wenigen Stunden auf.

Dass sich Lehm und Wasser so gut vertragen, dass sie sich gemeinsam zu Brei verwandeln, das ist zwar ein Nachteil des Baustoffs, zugleich aber von großem Vorteil: Weil Wasser und Luft in ungebrannten Lehm eindringen, regulieren die Bausteine auf natürliche Weise das Klima in den Räumen. Schimmel, der in gut gedämmten Neubauten häufig zum Problem wird, gibt es bei Lehmbauten nicht. Auch Kondenswasser bildet sich dort nicht. Dagegen bringen High-Tech-Materialien diese Gefahr mit sich, weil die verschiedenen Baustoffe unterschiedlich stark dämmen, und Luftfeuchtigkeit kondensiert dort zu Wasser, wo der Temperaturunterschied von zwei Flächen zu groß ist. Lehm dagegen nimmt Wärme und Feuchtigkeit auf, er atmet und schwitzt, Lehmbauten leben, so wie die Menschen - hat die Bibel am Ende doch recht?

Doch die Menschen, ach! sie sind gefallen und nutzten ihre Freiheit, sich vom Guten abzuwenden: "Wir wohnen doch alle in Plastiktüten", sagt Heidner. Die neue Stufe der Wärmeschutzverordnung, die in Kürze in Kraft treten soll, stellt noch höhere Ansprüche an die Dämmung von Häusern. Häufig kommt es dann zum Einsatz von Kunststoffen, denn sie sind leicht, dämmen stark - aber leben eben nicht. Oder doch, aber in anderen Zyklen: "Die Kunststoffe werden chemisch hergestellt, und diese Prozesse sind doch nicht abgeschlossen, nur weil das Produkt die Fabrik verlässt", sagt Heidner nicht ohne Hintergedanken. Es schwingt so mancher Skandal der bau-chemischen Industrie mit: Asbest im Beton oder Lösungsmittel im Holzlack, auch Chemie atmet, gern aber giftig - wie die Schlange, die Eva den Apfel vom Baum der Erkenntnis reichte.

Wer ein Haus in Deutschland baut, baut für die Ewigkeit. Richten wir unsere Höhle ein als Erinnerung an jene paradiesische Urzeit vor dem Sündenfall, der glücklichen Ewigkeit, bevor die Zeit ihren Lauf nahm? Jedenfalls bauen wir mit Steinen. Oder Beton. Der Marktanteil der Fertighaus-Industrie ist immer noch vergleichsweise klein. Massiv muss es schon sein. Auch Dieter Kotras hat die Fundamente und den Sockel seines kleinen Hauses massiv gebaut: Unter der Erde stapelte er gut verkeilte Steine, die er in der Umgebung auflas, um dem Haus einen stabilen Grund zu geben. Auch auf den ersten Metern des Mauerwerks, über dem Erdboden, stapelte er Klinkersteine. Das dient dazu, aufsteigende Feuchtigkeit und Spritzwasser abzuwehren. Erst darüber verschraubte er Holzplatten, um in die Spalten dazwischen den Lehm einzustampfen. Drei Jahre liegt das nun zurück.

Schäden sind keine erkennbar. Nicht einmal auf der Wetterseite. Nur haben Wind und Wetter dort die Putzstrukturen aus dem Lehm ausgewaschen. "Normalerweise würde man diese Seite mit Holz verkleiden, aber wir wollten experimentieren", sagt der Bau-Ingenieur. Um den Lehm zu schützen, kann Holz dienen, so wie der Bauherr es im Obergeschoss zur Verkleidung des Experimentalbaus einsetzte, oder auch Klinkersteine. Dagegen ist das Satteldach des Hauses mit Lehmschindeln gedeckt. Das hat norddeutschen Charme, denn der Regen wusch den Lehm aus und legte das beigemengte Stroh frei. Dadurch sieht das Haus aus, als sei es mit einem Reetdach gedeckt.

So anmutig das Häuschen von außen wirkt, so liebevoll ist es innen eingerichtet. Herzstück ist ein großer Ofen. Dessen Wärme leitet der Bauherr über viele Meter durch Hohlräume von Lehm-Sitzbänken hindurch zum Kamin ab. Die Wand- und Sitzheizung nutzt die Wärmeenergie des verfeuerten Holzes bestmöglichst aus und gibt sie stundenlang gleichmäßig an die Raumluft ab. Hinter dem Ofen führt eine Treppe ins Obergeschoss. Dessen Boden liegt auf breiten Holzdielen auf, und das ganze Obergeschoss ruht auf vier dicken Holzstämmen, die an den vier Ecken des Lehmhauses vor der Außenfassade stehen.

Naturbelassenes Holz diente auch zur Herstellung von Tür- und Fensterrahmen. Die Wände im Obergeschoss sind aber wiederum aus Lehm. Eine davon ist abriebfest getüncht, "damit die Hausfrauen nicht glauben müssen, dass man Lehm nicht staub- und wasserfest kriegen kann", sagt Kotras. Wie ihm das gelang, verrät er nicht. Weil er der Natur oder Gott ein Geheimnis entrissen hat? Weil die Konkurrenz nicht schläft? Er lächelt vielsagend.

Zwischen 2500 und 2700 Mark pro Quadratmeter müssen Käufer eines Lehmhauses aufbringen. Denn der billige Baustoff wird in Handarbeit montiert und Türen und Fenster sind auch ökologisch korrekt ausgewählt - und das kostet. Natürlich gibt es günstigere Bauten aus Serienfertigung. Auch Stein auf Stein gemauert. Doch es war schon immer etwas teurer, etwas Besonderes zu besitzen. Der Werbeslogan passt auf natürliche Bauweisen. Das hat mit der Immobilie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit zu tun. Von der Serie sind Lehmbauten noch weit entfernt. Und Produkte sind erst billig, wenn sie standardisiert sind: Weil die große Menge abgesetzter Waren auch geringere Gewinnspannen auskömmlich machen. Und weil die Herstellung dann optimiert ist.

Dagegen sind die meisten Lehmbauer "Zwei- bis drei-Mann-Buden", sagt Kaufmann Heidner. Das macht auch den Lehmputz teuer: statt sechs Mark wie bei Kalkputz muss der Kunde 20 Mark für das Material für die atmenden Wände aufbringen. Dennoch erlebt die Lehmbau seit etwa 20 Jahre eine Renaissance. Dank der Aufträge von Gastwirtschaften zum Beispiel, "weil Lehmwände Rauch und Bierdunst neutralisieren", so Heidner. Und auch eine Kita in Oranienburg/Eden soll aus Lehm entstehen. Auftraggeber ist die Genossenschaft in Eden. Deren Mitglieder glauben zwar nicht an Gott. Wohl aber an die Segnungen der Natur. Und Lehm zählt dazu.

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