Zeitung Heute : Dem Sommer eine Chance geben

Wie eine Neuberlinerin die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Hier in Berlin ist der Sommer am schönsten, sagen die Leute, die schon lange da sind. Es ist immerzu warm, die Sonne scheint stundenlang, die Menschen sitzen im Café oder kreuz und quer auf der Wiese. Über solche Aussichten freut man sich besonders, wenn man, wie ich, aus einer Gegend kommt, wo man Winter und Sommer nur an der Farbe der Regenschirme unterscheiden kann (Winter: schwarz, Sommer: gelb).

In den vergangenen Wochen gab es viele Vorgeschmäcke darauf, wie der Sommer in Berlin so ist. Es war einigermaßen warm, die Sonne schien immer mal wieder, und die Menschen saßen in dünnen Jacken auf der großen Terrasse des Café Schönbrunn im Volkspark Friedrichhain. Sie sahen zwar alle aus, als würden sie furchtbar frieren, aber es schien sie nicht zu stören. Als hätten sie die Hoffnung, dass die Sonne, wenn sie die vielen frühlingshaft Bekleideten dort bibbern sieht, aus lauter Mitleid wärmer scheint. Meinetwegen hätte sie das nicht getan. Ich trug meinen Steppmantel. Ganz so, als wollte ich mich vom Winter nicht trennen. Dabei ist nichts weniger der Fall – ich bin nur noch nicht lang genug hier. Ich beschloss, mich den Berliner Sitten anzupassen und fuhr Richtung Hackescher Markt, um mir Frühlingskleidung zu kaufen.

In der Neuen Schönhauser Straße kaufte ich eine Jacke. Die ist rot, teuer und superdünn. Die Verkäuferin lobte an dem Modell, dass man es ganz klein zusammenrollen könne, wenn man in die Sommerferien fahre. Dafür guckte ich sie strafend an. Sommerferien! Es ging um den Sommer in Berlin. Jetzt.

Nebenan kaufte ich ein Paar richtig sommerliche Schuhe und ließ die gleich an. Um der Sonne deutlich zu zeigen, wie sehr ich darauf setze, dass sie bald häufiger scheint. Eine fahrlässige Entscheidung, denn draußen habe ich gemerkt, dass die Sohle so steif ist, dass man den Fuß nicht abrollen kann und wie eine Ente mit der ganzen Sohle auftritt – aber da war es zu spät, um die Schuhe umzutauschen.

Ich watschelte den ganzen Weg nach Hause auf meinen neuen Entenschuhen. Dort warf ich sie in die Ecke, durchforstete Schrank, Taschen und Koffer und fand ein Paar Schuhe, das sommerlich leicht war und witzig im Schnitt – aber mit albernen eckig abstehenden Absätzen. Die müsste man doch wechseln können, dachte ich und eilte sogleich zum Schuster um die Ecke. Der kramte in großen staubigen Pappkartons herum, in denen unterschiedliche Absatzmodelle lagen. Hohe spitze weißen, kleine dicke dunkle und mitteldicke, braune – wie gemacht für meinen Sommerschuh in spe. Ich erteilte einen Auftrag und bekam einen Abholzettel.

Ich war glücklich. Der Sommer konnte kommen. Ich trat vor die Tür. Draußen fiel Schnee. Habe ich was falsch gemacht?

Das Café Schönbrunn im Volkspark Friedrichshain ist sogar bei Schnee einen Ausflug wert, denn drinnen ist es sehr schön und gut geheizt. Rund um den Hackeschen Markt verkaufen viele Läden dünne Jacken und Blusen und Röcke. Erstaunlich viele Schuhläden bieten leichtes Schuhwerk mit wenig Leder zu großen Preisen an.

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