Zeitung Heute : „Demokratie 1, Taliban 0“

Trotz des Terrors gehen Pakistaner massiv zur Wahl.

Historisch. Erstmals hielt eine zivile Regierung in Pakistan eine Amtszeit durch. Am Samstag wählten die Pakistaner – wie hier in Islamabad – ein neues Parlament. Foto: W. Khan/dpa
Historisch. Erstmals hielt eine zivile Regierung in Pakistan eine Amtszeit durch. Am Samstag wählten die Pakistaner – wie hier in...Foto: dpa

Pakistan hat dem Terror getrotzt. Ungeachtet der Anschlagsdrohungen der Taliban haben Millionen Pakistaner am Samstag bei den historischen Wahlen ihre Stimme abgegeben, um über den Kurs des Landes zu entscheiden. Dabei deutete sich eine mögliche Rekordbeteiligung von über 60, vielleicht sogar 70 Prozent der Wahlberechtigten an.

„Der Andrang war unglaublich“, sagte der Chef der Wahlkommission, Fakhruddin Ibrahim. Vor allem in den Städten Karachi, Lahore und Peschawar bildeten sich lange Schlangen vor den Wahllokalen. Am Abend wurde daraufhin die Wahlzeit um eine Stunde auf 18 Uhr verlängert. Die Wahlen waren von massiven Sicherheitsvorkehrungen begleitet. Handy-Netze waren blockiert; 670 000 Sicherheitskräfte befanden sich im Einsatz, um die 77 000 Wahllokale zu sichern.

Die Taliban hatten eine ganze Welle von Selbstmordattacken angedroht. In Karachi starben 17 Menschen bei einem Anschlag auf ein Parteibüro, in Belutschistan wurden vier Menschen bei einer Schießerei getötet. Doch die befürchtete Anschlagsserie auf Wahllokale blieb aus. „Demokratie 1, Taliban 0“, tweetete die Journalistin Nahal Toosi.

In der Hafenstadt Karachi, die als Hochburg der Bhutto-Partei PPP und der Regionalpartei MQM gilt, gab es allerdings Berichte über massiven Betrug, der das Ergebnis dort verfälschen könnte. Die Oppositionsparteien PML-N und PTI protestierten. Es könnte daher dort zu Nachwahlen kommen.

Die Wahlen gelten als Meilenstein für Pakistan: Erstmals in der Geschichte des Landes hielt eine zivile Regierung die volle Amtszeit durch, und es wird eine neue gewählt, ohne dass das Militär vorher putschte. Laut Umfragen deutet sich ein Machtwechsel und ein Rechtsruck an.

Als Favorit gilt die Partei PML-N von Oppositionschef Nawaz Sharif, der 14 Jahre nach seinem Sturz durch das Militär zurück an die Macht drängt. Ihm könnte das Kricket-Idol Imran Khan gefährlich werden, der vor allem die Jugend elektrisiert. Dagegen werden der bisherigen Regierungspartei PPP, die als korrupt gilt, kaum Chancen eingeräumt.

Sowohl Sharif als auch Khan stehen den Religiösen näher als die PPP. Sie wollen aus dem Anti-Terror-Krieg des Westens aussteigen, die US-Drohnenangriffe auf ihr Land stoppen und Gespräche mit den Taliban suchen, um den Bürgerkrieg zu beenden. Vor allem der Aufstieg Khans macht den Wahlausgang unkalkulierbar. Seine PTI ist zur dritten Kraft erstarkt, die erstmals an der jahrzehntelangen Vormachtstellung der beiden Feudalparteien PPP und PML-N rüttelt.

Auch Washington wird die Wahlen gespannt beobachten. Die USA sind auf Pakistan angewiesen, um den Krieg in Afghanistan zu beenden und dem Abzug der Nato-Truppen 2014 den Weg zu ebnen. Experten rechnen aber damit, dass keine Partei eine alleinige Mehrheit bekommt. Damit droht dem Atomstaat eine schwache Koalitionsregierung.

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