Demokratie : Das afghanische Stimmlos

Ein wehrloser Polizeichef, mächtige Warlords – und Frauen, die die Zustände hier nicht mehr hinnehmen wollen: die Provinz Daikundi einen Monat vor der Präsidentschaftswahl

Martin Gerner[Bandar]
Afghanisrtan
Ein Frau geht an einer Wand vorbei, die mit Wahlplakaten diverser Präsidentschaftsbewerber gepflastert ist. -Foto: dpa

Sie tritt mit einem blauen Gewand und einem Lächeln aus der Tür. Zupackend streckt sie einem die Hand entgegen. Im Sonnenlicht schimmert ihr Goldzahn. In Daikundi, der Provinz im zentralen Hochland von Afghanistan, tragen alle Frauen das Gesicht offen. Burkas findet man hier nicht.

Das Lehmhaus, in dem sie wohnt, hat zwei große Türme an den Flanken. Ihr Vater war ein einflussreicher Khan.

Safia Shah Alemi ist vier Jahre lang zur Schule gegangen, ist Mutter von acht Kindern, und sie ist die einzige Kandidatin für die Wahl zum Provinzrat in ihrem Bezirk, dem Bezirk Bandar. Der wird am gleichen Tag gewählt wie der neue afghanische Präsident, am 20. August.

Ein wirkliches Programm hat Safia Shah Alemi nicht. Hier gibt es keine Parteien. Jeder steht für sich allein. Als einzige Frau unter Männern in der Öffentlichkeit zu stehen ist Programm genug in einer Provinz, in der Mädchen nach wie vor aus Armut von ihren Vätern verkauft werden.

„Dies ist die Zeit, aufzustehen und den Menschen von Daikundi zu dienen“, sagt sie. Sie hat Wahlplakate im Wert von 200 US-Dollar in Auftrag gegeben und dafür ein Stück Land verkauft. Noch sind die Plakate nicht eingetroffen aus Kabul. Es gibt auch keine unabhängigen Wahlbeobachter, Leute, die wie vor fünf Jahren den Ablauf des Urnengangs überwachen sollen. Vielleicht sind sie unterwegs. Vielleicht auch nicht. Die Ruhe macht Safia Shah Alemi stutzig.

Daikundi liegt zwei Tagesfahrten westlich von Kabul. Die Menschen hier nennen die Region die „vergessene Provinz“. Die Hälfte des Jahres ist Daikundi eingeschneit. Jedes Tal wird dann eine von der Umgebung abgeschnittene, eigene Welt. Die andere Hälfte des Jahres schmilzt das Wasser. Wenn die Schmelze spät einsetzt wie in diesem Jahr, können die Felder nur kurz bestellt werden. Die Speicher drohen leer zu bleiben.

Safia Shah Alemi hält ein großes Funktelefon in der Hand. Damit kann sie den Polizeichef von Bandar jederzeit erreichen. Es verleiht ihr Sicherheit in einer Region, in der es ansonsten keine Telefonverbindungen gibt.

An diesem Tag sind über Nacht zahlreiche Poster mit dem Bild von Präsident Hamid Karsai auf dem Basar von Bandar aufgetaucht. Jungen kleben sie an Türen und Geschäftswände. Ein Mann in einem Wagen sei früh am Morgen gekommen und habe die Wahlwerbung verteilt, sagt eines der Kinder, kurz darauf sei er wieder abgefahren. Die Jungen wundern sich, warum es keine Poster anderer Präsidentschaftskandidaten gibt. Irgendwie schwant auch ihnen, dass dies ein Kampf unter Ungleichen ist.

Karsai bekommt die meiste Sendezeit in den Medien, er allein vermag es, sich mit Hubschraubern von Ort zu Ort zu bewegen, sich dem Volk auch in abgelegenen Regionen zu zeigen. Neu geteerte Straßen kann er als sein Verdienst darstellen, in Bandar indes gibt es keine. Nach Bandar kommt keiner seiner Herausforderer.

Auf Karsai ist kaum einer gut zu sprechen. „Bei den letzten Wahlen hofften viele, dass Demokratie auch Gerechtigkeit bedeuten würde und Schuldige zur Verantwortung gezogen würden“, sagt der Leiter einer afghanischen Hilfsorganisation. Stattdessen blühe unter der Regierung Karsai die Korruption. Ein alter Mann auf dem Esel legt einen Halt an der einzigen Teestube im Ort ein. „Welche Regierung?“, fragt er, „der Staat hilft uns nicht. Soll ich etwa Staub essen?“

80 Prozent der Menschen hätten keine Zeit, sich um die Wahlen zu kümmern, sagt Fatima. Sie seien stattdessen damit beschäftigt, ihr Überleben zu sichern. Fatima geht noch zur Schule. „Eine Revolution hat sich da ereignet“, sagt die 19-Jährige. Sie engagiert sich seit geraumer Zeit in der örtlichen Gemeindearbeit. Fünf weitere Jahre unter Karsai sind für sie gleichbedeutend mit Stillstand.

Ihr Blick geht nach vorne, als folgte sie einer unsichtbaren Schnur. Ihr Selbstbewusstsein fällt auf unter Menschen, die zögern, die Wahrheit auszusprechen. „Tun Sie etwas, damit endlich mehr Bildungsangebote nach Daikundi kommen“, redet sie eindringlich auf den Reporter ein.

Dann muss sie zur Abschlussprüfung. Ahmad, ein Mitarbeiter der Caritas, die hier mehrere Nothilfe-Projekte hat, lobt ihren Mut, ihre Initiative und ihre offenen Eltern. Er sieht in ihr eine kommende Führungskraft. Aber wer wird Fatima eine Chance geben? Zivilgesellschaftliches Engagement wird bisher von oben kaum gefördert. Es sind die gewendeten Warlords, die Kriegsherren, die in Daikundi das Sagen haben.

Reza Rezai, der Polizeichef von Bandar, ist davon betroffen. Er muss mit 30 Beamten auskommen in einem Gebiet so groß wie ein kleines Bundesland. „Damit kann ich die Grenzen des Distrikts unmöglich kontrollieren“, sagt er. Hilfe aus Kabul hat er abgeschrieben.

„Unsere Polizei wird von den Deutschen ausgebildet“, sagt er, „also sollten die Deutschen schauen, dass das Geld dafür effektiv und transparent investiert wird.“ Dann könne es auch mehr Beamte und bessere Ausrüstung für seine Leute in Bandar geben. Einfach nur Geld an die afghanische Seite weiterzugeben bedeute, die Korruption zu unterstützen.

Reza Rezai versucht Gelassenheit auszustrahlen. In Wahrheit ist er besorgt. Ein Warlord aus dem Nachbardistrikt betreibe seine Entlassung, sagt er. Arif Dawari, den er meint, werden 30 Morde, Vergewaltigung, Zwangsheiraten, das Betreiben privater Gefängnisse und Drogenhandel zur Last gelegt. Eine Gruppe sogenannter „Opfer von Daikundi“ hat eine Liste seiner Gräueltaten zusammengestellt und an Menschenrechtsorganisationen übergeben. Passiert ist bisher nichts.

Bis vor kurzem war Reza Rezai Polizeichef in Dawaris Heimatdistrikt. Der drängte ihn, inhaftierte Gefolgsleute vorzeitig freizulassen. Rezai weigerte sich, man schob ihn auf einen anderen Posten ab. Dawari hat drei Frauen. Eine davon sitzt als Abgeordnete im Parlament in Kabul. Sie gilt als seine politische Strohpuppe, die ihm Einfluss sichert. Dawaris Strohpuppe ist Anfang 20, auch sie zur Ehe gezwungen.

Ein unsichtbares Band verbindet Daikundi mit Kabul. Ehemalige Milizenführer sitzen längst als gewendete Politiker in Regierung, Parlament und Behörden. Ihre Dienste haben sie erfolgreich dem neuen Umfeld angepasst. Von Kabul aus machen sie ihren Einfluss bis in das letzte Tal von Daikundi geltend.

Auch für die Caritas birgt dies Konfliktstoff. Vor zwei Jahren hat die Hilfsorganisation eine kleine Klinik im Bezirk gebaut. Kranke und Schwangere mussten endlich nicht mehr Dreitagestouren auf dem Esel oder mit dem Motorrad zurücklegen. Mittlerweile hat der Ruf der Klinik stark gelitten. Der Medikamentenschrank ist oft leer. Es fehlt an Krankenpflegern und Hebammen. Der Chefarzt bekommt seit Monaten kein Gehalt und hat seine Kündigung eingereicht. Nach der Fertigstellung ging die Klinik in die Verantwortung einer örtlichen Hilfsorganisation über, die sich sehr schnell als unzuverlässig erwies, aber Rückhalt durch Mittelsmänner in Kabul genießt.

Nur mehr Engagement durch die Partner aus dem Ausland könne die Korruption in Daikundi beenden, sagt ein afghanischer Verantwortlicher. Es klingt überzeugend.

Eingreifen oder zuschauen? „Kurzfristige Nothilfe, zumal losgelöst von afghanischen Strukturen, endet oft in einer Sackgasse“, sagt Marianne Huber, die Leiterin des Caritas-Büros in Kabul. Es brauche längerfristige Pläne statt immer wieder punktuelle Aktionen, die oft wenig koordiniert erschienen.

In Daikundi wird nicht gekämpft. Es gibt kein Militär. Keinen einzigen afghanischen Soldaten. Auch keine US- oder Nato-Truppen. Statt weniger fremden Einfluss wünschen die Menschen sich hier mehr ausländische Präsenz. Ein militärisches Aufbauteam steht auf der Wunschliste der Provinzregierung. Ob und wann es kommt, scheint fraglich. Die Provinz teilt eine gemeinsame Grenze mit Helmand, dem am stärksten umkämpften Teil des Landes. Einige Taliban weichen mittlerweile in den Süden von Daikundi aus, um dort Schutz zu suchen vor Amerikanern und Briten.

Viel und seit langem ist von Asymmetrien die Rede, zwischen hochgerüstetem Nato-Militär und Taliban-Kämpfern, die sich unter die Bevölkerung mischen. Die Asymmetrie, die in Daikundi herrscht, ist eine zwischen Mächtigen mit der Waffe und Ohnmächtigen. Zwischen wehrlosen Polizeichefs, die gejagt werden, statt selber die Initiative zu haben. Zwischen amnestierten Warlords, die von der internationalen Gemeinschaft seit sieben Jahren gestützt werden, und Opfern, die ihre Frustration ein ums andere Mal schlucken. Und Asymmetrie gibt es auch in der Entwicklungshilfe, die das richtige Verhältnis zwischen Nothilfe und der Förderung demokratischer Strukturen sucht.

Blog zu Afghanistan: www.tagesspiegel.de/kabul

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