Zeitung Heute : Demokratie lernen

Sigrid Kneist

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Noch sechs Tage, und der Wahlkampf ist zu Ende. Dann ist die tägliche Konfrontation mit unseren Politikern vorbei, mit den Konterfeis auf den Wahlplakaten. Charlotte ist eine aufmerksame politische Beobachterin; sie kommentiert jedes Plakat. Da könnten die Kampagnen-Macher echt was lernen. Die CDU-Serie „Dafür steht Rot-Grün“ aus der frühen Wahlkampfphase kommt bei ihr schlecht weg. Viel zu spät, meint sie, ist zu erkennen, welche Partei da überhaupt wirbt. Die SPD-Aktion „Aber wofür stehen die anderen?“ schneidet nicht besser ab. Viel zu langweilig! Und die staatstragenden Schröder-Großporträts – zu steif.

Charlotte mag auch die klassischen Ver(un)zierungen: nette Schnäuzer für Herrn Spiller oder Vampirzähne für Frau Rawert, nur die toten Augen, die mag sie nicht. Überhaupt nicht komisch findet Charlotte blanke Zerstörung, also zerrissene Plakate, wo die Fetzen runterhängen. Das stößt auf scharfe Missbilligung. Allerdings, als vor kurzem ein paar größere Jungs erzählen, wie sie mit ihren Kumpels Plakate der NPD abgehängt haben, hört sie mit großen Ohren zu. Für Neonazis hat sie nämlich nichts übrig. Empört ist sie, als an ihrer Bushaltestelle auf dem BVG-Fahrplan ein Hakenkreuz prangt. Mama, das muss weg; das darf nicht bleiben! Ich verspreche, bei der BVG anzurufen; bezweifle aber, etwas zu erreichen. Ich rufe trotzdem an, um meine Vorbildfunktion in Sachen wehrhafte Demokratie wahrzunehmen. Innerhalb weniger Minuten erreiche ich sogar das Call-Center. Die Dame ist freundlich und sagt zu, die zuständigen Stellen zu informieren. Und – innerhalb von einem Werktag ist das Nazi-Enblem verschwunden.

Charlotte freut sich, dass wir etwas erreicht haben. Das ist doch eine Lektion in Demokratie. Damit ist sie als knapp Zehnjährige politisch weiter, als ich es in dem Alter war. Ich war käuflich. Beim Wahlkampf 1969 war ich klar auf Seite der SPD. Denn die hatte ein Superkinderfest veranstaltet, bei dem es viele Spiele und tolle Gewinne gab. Unter anderem ein kleines Magnet-Dame-Mühle-Spiel, das mich schwer beeindruckte. Ob sich diese kindliche Beeinflussung nachhaltig in Wählerstimmen für die Sozialdemokratie ausgewirkt hat, verrate ich nicht. Wahlgeheimnis.

Das BVG-Call-Center erreichen Sie unter der Telefonnummer 19449.

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