Zeitung Heute : Demonstranten unter dem Davidstern

Der Tagesspiegel

Von den mehr als tausend Menschen, die sich am Sonntagnachmittag am Hackeschen Markt versammelt haben, um ihre Solidarität mit Israel zu demonstrieren, bemerken nur wenige den Zwischenfall. Aus einem roten Ford brüllt ein etwa 40-jähriger Mann antisemitische Parolen, während der Wagen an der roten Ampel steht. Die Polizei reagiert sofort. Mehrere Beamte reißen die Beifahrertür auf und zerren den Mann heraus. Nach kurzem Handgemenge liegt der Mann auf dem Boden. Als seine Frau aussteigt, wird der Mann bereits abgeführt.

Für die Redner der Solidaritäts-Veranstaltung, zu der der Bundesverband jüdischer Studenten und andere Organisationen aufgerufen hatten, ist dies kein Einzelfall. Seit den israelischen Militäraktionen in den Palästinenser-Gebieten erlebe Deutschland „die größte Welle von Antisemitismus seit Ende des Zweiten Weltkrieges“, erklärt eine Rednerin, die zu „unbedingter Solidarität“ mit Israel aufrief. Zugleich betonte sie, dies bedeute nicht, die israelische Politik kritiklos hinzunehmen oder den palästinensischen Opfern gegenüber gleichgültig zu sein. Solange jedoch „Kritik an Israel antisemitisch motiviert ist, weisen wir sie zurück“. Das Existenzrecht Israels dürfe nicht in Frage gestellt werden.

Die pro-palästinensische Demonstration vom Vortag sei keine Demonstration für den Frieden gewesen, erklärte ein weiterer Sprecher. Die hasserfüllten Parolen sowie von Kindern getragene Sprengstoffgürtel-Attrappen sprächen gegen friedliche Absichten.

„Hamas sprengt den Frieden“, steht auf den Plakaten der Demonstranten, „Freundschaft mit Israel“ und „Frieden heißt, auf Terror verzichten“. Zahlreiche Teilnehmer schwenken Fahnen mit dem Davidstern. Moshe Waks, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, bedankte sich bei den Initiatoren der Demonstration. Es sei keine Selbstverständlichkeit, dass sich junge Deutsche für Israel und gegen Antisemitismus einsetzten. Mit scharfen Worten reagierte Waks auf die Behauptung des FDP-Politikers Jürgen Möllemann, der Israels Militäraktionen als „Vernichtungskrieg“ bezeichnet hatte. „Möllemann scheint auf seine alten Tage ein Sympathisant der RAF zu werden“, sagte Waks. Umso befremdlicher sei es, dass FDP-Parteichef Westerwelle den Aussagen Möllemanns nicht entschieden entgegengetreten sei. Nach der Kundgebung auf dem Hackeschen Markt zogen die Demonstranten durch die Oranienburger Straße und Friedrichstraße zum Deutschen Theater, wo die Veranstaltung beendet wurde. oy/wie

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