Zeitung Heute : Den alten Machern bleibt die Luft weg - jetzt sind die jungen dran

Jugendliche machen sich nur einen Kopf um den Sitz ihrer Frisur.Interessieren sich für die erste große Liebe und vielleicht noch für die aktuelle CD der Lieblingsband.Aber Berlin? Die Hauptstadt in der Mauser? Die Metropole der Zukunft? Laß stecken.

Von wegen."Jugend entwickelt Berlin" heißt der Wettbewerb, den die Gesellschaft für Hauptstadtmarketing "Partner für Berlin" vor drei Jahren in Kooperation mit dem Tagesspiegel ins Leben rief.Fast tausend junge Berliner haben seit der Premierenrunde 1997 zahlreiche Ideen, Visionen und Träume für ihre Heimatcity durchgespielt.Ob Stadtentwicklung, Kultur, Wirtschaft oder Soziales - die jugendlichen Wettbewerbsteilnehmer ersonnen Visionen für die Zukunft: Was soll später einmal aus der Info-Box werden? Wie könnte man den Schloßplatz gestalten? Bekommt man den Müll der Love-Parade-Teilnehmer mit Nachfüllflaschen in den Griff?

Vieles von dem, was an Schultischen und im Jugendzimmer, im Freizeitheim und Kindergarten erdacht wurde, ist inzwischen Realität.Berlins Szene im Internet, zum Beispiel.Es darf doch nicht wahr sein, dachte sich Sascha Proch alias "Jack D.": Da gibt es in dieser Stadt eine bundesweit einmalige Dichte exzentrischer Typen und Kneipen, Independent-Konzerte, Off-Theater und anderer Events, die Berliner und Berlin-Besucher interressieren - und keine Spur davon im Internet.Die Projektarbeit für "Jugend entwickelt Berlin" 1998 war geboren.Das Engagement der jungen Männer hat sich für die Stadt gelohnt.Seitdem findet man Alternativ-Veranstaltungen in Berlin unter dem Stichwort "Whiskey Soda" über "berlin.de/partner" und die "News".

Von Anfang an sollte die mit dem Journalistenpreis der Jugend- und Familienstiftung ausgezeichnete Aktion mehr sein als nur eine Alibiveranstaltung.Damit die Beiträge der Wettbewerbsteilnehmer nicht in der Schublade verstauben und der Stadt umsetzungsreife Ideen womöglich verlorengehen.Wenn sich schon so viele junge Berliner engagieren, dann bitte nicht vergebens.Deswegen wurden gleich diejenigen in die Jury gebeten, die den Hebel effektiv ansetzen können.1997 begutachteten Hanna-Renata Laurien, ehemalige Präsidentin des Abgeordnetenhauses, Stadtplaner Edvard Jahn, Stadtentwicklungssenator Peter Strieder, Siemens-Vertreter Erich Gerard und Schauspielerin Monika Hansen die Jugendinitiativen für ein Berlin mit Zukunft.Später hörten Ingrid Stahmer, Thomas Ostermeier und Wolfgang Branoner den Projektpräsentatoren zu; in diesem Jahr Marc Wohlrabe, Dimitri Hegemann, "Viva"-Moderator Disko, Peter Radunski, Marc Wohlrabe und Sabine Christiansen.

Und Constanze Unger, einst Teilnehmerin der ersten Runde.Sie gewann damals ein Praktikum bei "Partner für Berlin" und ist seitdem rechte Hand von Wettstreit-Organisatorin Franziska von Trott.Auch so eine Idee: Wer bei "Jugend entwickelt" mitmacht, soll mehr kassieren als nur Lorbeeren.Sondern auch Anschubhilfen erhalten oder eben erste Schritte im Berufsleben gehen können bei DaimlerChrysler, bei Siemens, beim Tagesspiegel.

Wenn Jugendliche die Stadt kritisieren, dann vor allem das: Berlin sei zu lebensfeindlich, zu grau, zu fantasielos.Der Architekturstudent Ben Nicolas Hoffmann entwarf deswegen ein dem Londoner Millennium-Dom angelehntes Zelt-Modell für Sport, Freizeit und Forschung für die Zeit nach dem Flugbetrieb in Tempelhof.Auch Jo Preußler und Aljoscha Begrich gingen in die Vollen: Sie schufen mit dem "Spargelfeld Alexantripolos" die Vision einer futuristischen Kugel-Installation rund um den Fernsehturm in Mitte.Paul Venuß wünschte sich mehr Farbe und Leben im Kleinen.Für seine Schmetterlingswiese stellt ihm der Britzer Garten ein Gelände bereit.

Daß die Zukunft hart erkämpft werden muß, erfuhren die Wettbewerbssiegerinnen bei den über 15jährigen in der Kategorie "Schule: Lust oder Frust".Andrea Verena Kopp und Ellen Artelt nahmen ihre Aktion "Park sucht Schüler" selbst in die Hand.Den Briefkopf stellte "Partner für Berlin" bereit, die Senatsschulverwaltung streute das Schreiben über ihren Verteiler.Gesucht werden Grundschullehrer, die sich innerhalb einer Patenschaft um einen nahegelegenen Park kümmern wollen, dort das Grün während des Unterrichts hegen und auch eigene Beete anlegen möchten."Wir haben leider von den Lehrern oft gehört: ,Im Prinzip gern, aber...Õ", erinnert sich die 22jährige Psychologie-Studentin Andrea Verena von Kopp.Einige Pädagogen seien wegen der Grundschulreform nicht bereit, zusätzlich "Schriftkram mit dem Bezirksamt zu erledigen".Gefrustet? "Keineswegs", sagt die junge Frau aus Lichterfelde."Ich habe aus den Erfahrungen gelernt und weiß jetzt, daß ich manches anders machen würde." Mein Park soll grüner werden - Ingrid Stahmer, übernehmen Sie!

Christian Kneisel ist gerade dabei, die Zukunftsideen junger Berliner zurechtzuhobeln, auf realisierbares Maß zu stutzen.Der Sekretär der Abteilung Musik bei der Akademie der Künste und Organisator des Festivals "Z 200" mit junger Kunst und Kultur im kommenden Jahr trifft sich dieser Tage mit "Jugend entwickelt"-Siegern wie Alexander Moheit, der "Ateliers - Bahnwaggons der Moderne" ersann.Warum nicht aus der Not eine Tugend machen, sagte sich der junge Mann.Seine Idee: Lassen wir S-Bahn-Wagen doch bewußt mit Berliner Alltagsbildern besprayen, die Einheitssitze herausreißen und stattdessen Sofas installieren - so könnte man die Fahrgäste über das Neue Berlin informieren und zugleich jüngeres Publikum ansprechen.

"Hochgradig interessant", befindet Christian Kneisel, und verweist auf ein weiteres "Jugend entwickelt"-Projekt von Vera Krauße, Constanze Döll und Petra Häußer, Studentinnen der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Hochschule der Künste."Was wir für die Hauptstadt Berlin entwickeln?" Ein multimediales Stadtmuseum, in dem man sich mithilfe interaktiver Medien auf eine Zeitreise in die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Stadt begeben kann.Die Ursprungskonzeption scheitert aber sicher an dem, was den meisten Innovationen den Riegel vorschiebt: Geld.Und doch erschließt sich der Stadt ein einzigartiger Fundus frischer Gedanken.Vielen erwachsenen Machern "ist derzeit geistig etwas die Luft ausgegangen", hatte Hans Stimmann zum Auftakt von "Jugend entwickelt" konstatiert.Den Jungen in Berlin hingegen noch lange nicht.

Auch im Jahr 2000 wird es "Jugend entwickelt Berlin" geben.Wer seiner Zeit voraus ist und schon mal vorfühlen möchte, meldet sich bei "Partner für Berlin" unter der Rufnummer 202 400, die Faxnummer lautet -166.

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