Zeitung Heute : Den alten Westen besuchen

Brigitte Grunert

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Gregor Gysi weiß auch, was eine feine Adresse ist. Neulich entdeckte die Rentnerin den Namen des SED-Promis auf dem Messingschild einer Anwaltssozietät in der Fasanenstraße, wo sie am schönsten ist, zwischen Lietzenburger und Kurfürstendamm. Vis à vis glänzen Villa Grisebach, das Käthe-Kollwitz-Museum und das Literaturhaus.

Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass es in den sechziger Jahren Pläne gab, die drei verfallenen, teilweise kriegszerstörten Gründerzeit-Villen für den Schnellstraßenbau abzureißen. Erst Anfang der Achtziger nahm sich der Senat der geborstenen Pracht an, die Deutsche Bank besorgte die Restaurierung, und der Galerist Hans Pels-Leusden stiftete seine Kollwitz-Sammlung für die Gründung des Museums, das kürzlich sein 20-jähriges Bestehen feierte.

Damals bekam diese Ecke so etwas wie ihr altes Flair zurück. In den einst hochherrschaftlichen Häusern siedelten sich feine Geschäfte an, Galerien und Büros. Der Bummel ist anregend. Der Garten, der das Villen-Ensemble durchzieht, ist eine Augenweide, das Museum lockt mit einer Barlach-Ausstellung, die bis zum 30. August gezeigt wird, und das Literatur-Café lädt zur Muße ein.

Das Haus Nummer 25, in dem das Museum seinen Sitz hat, war überhaupt das erste in der Fasanenstraße, gebaut im Reichsgründungsjahr 1871, als sich die Gegend um den Kurfürstendamm zu entfalten begann. Man sprach vom Berliner Westen, lange bevor er zu Berlin gehörte; das Theater des Westens heißt seit 1896 so. Na ja, heute ist es der alte Westen.

Der in Berlin bekannteste Bau des Architekten Grisebach ist übrigens der U-Bahnhof Schlesisches Tor (1901). In Agnetendorf am Rande des schlesischen Riesengebirges baute er gar ein Schloss für Gerhart Hauptmann, das Haus Wiesenstein, in dem der Dichter 1946 starb. Wir ahnten nicht, wer der Architekt war, als wir vor vielen Jahren das verwunschene Dom Hauptmann in Jagnatków, Polen, suchten und fanden. Nun ist es ebenfalls restauriert. Was Häuser doch alles erzählen.

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