Zeitung Heute : Den Aufschwung proben

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

So langsam wird es ein bisschen viel mit der Reformerei und dem ganzen Getue um den Aufschwung. Sagt meine Oma. Und dann, einen Seufzer später, sagt sie: Im Fernsehen reden alle durcheinander, aber ändern tut sich nichts.

Oma, widerspreche ich, die im Fernsehen müssen so viel reden, sonst merken die Leute nicht, dass sich was ändern muss. Ich diskutiere gern mit meiner Oma über Politik, wir sitzen in ihrer kleinen Wohnung in Niederschönhausen, trinken Kaffee und streiten über die Reformerei. Das Schlusswort hat immer Oma. Beim letzten Mal sagte sie: Mein Junge, geh in die Kaufhalle und guck dir die Preise an. Dann siehst du, was sich ändert. Sonst ändert sich gar nichts, nicht mal die Verkäufer.

Ich brauche mehr Argumente, dachte ich auf dem Heimweg. Tags darauf machte ich mich auf in die Kaufhallen, Einkaufscenter und Service-Points der Stadt. Wirst schon sehen, Oma.

Erster Test: Ikea in Spandau. Hier ist der Aufschwung, schon am Eingang gibt es Drängelei. Schülerinnen bevölkern die Bettenabteilung, Ehepaare streiten vor Holzregalen. Voller Euphorie schlage ich mir eine Schneise durch das Gewühl, kaufe einen Schrank, eine Lampe und – für die Konjunktur – ein paar bunte Staubfänger. Gleich ist der Aufschwung in meiner Wohnung zu sehen, denke ich, als ich auf die Leiter steige, um die neue Lampe aufzuhängen. Da bricht die Aufhängung.

Zweiter Test: der Nokiashop in der Schönhauser Allee. „Sie können Ihr Handy abholen; es ist repariert“, hatte mir eine Frau am Telefon angekündigt. Ich machte mich gleich auf den Weg. Siehst du Oma, es geht voran. Als ich die Ladentür öffne, sind alle beschäftigt. Eine Frau an der Kasse scannt Produktnummern ein, ein Mann telefoniert im Hinterzimmer. „Ich wollte mein Handy abholen“, sage ich. „Wurden Sie von uns angerufen?“, antwortet die Frau. Ich bejahe. Pause, weitere Produktnummern werden bearbeitet. Irgendwann mal geht sie ins Hinterzimmer, fragt den Mann, der winkt ab, telefoniert weiter, sie kommt zurück und sagt: „Wir haben Ihr Handy noch nicht.“ Ich stutze, frage nach, doch ihre Blicke deuten auf den Ausgang. Als ich an der Tür bin, ruft sie mir hinterher: „Sind Sie sicher, dass Sie jemand von uns angerufen hat?“

Dritter Test: ein Fahrradgeschäft an der Danziger Straße. Ich komme herein, ein Hund springt mich an, ein Mann bohrt drei Löcher in die Wand. Hinter der Ladentheke steht der Chef und telefoniert. „Kann ich helfen?“, fragt mich schließlich der Mann mit dem Bohrer. „Nein“, sage ich und gehe.

Hat meine Oma wirklich Recht? Geht der Aufschwung an uns vorbei – trotz aller Reformerei? Und warum macht Einkaufen keinen Spaß mehr – obwohl man alles kaufen kann?

Ein letzter Versuch: ein anderer Fahrradladen um die Ecke. Ich öffne die Tür, ein Mann kommt mir lächelnd entgegen. Er gibt mir die Hand. Ich schöpfe Hoffnung: endlich Freundlichkeit, endlich Service. „Ich kann Sie leider nicht bedienen“, sagt der Mann. „Wir sind pleite.“

Am 27. November wird endlich alles gut. Dann eröffnet Ikea in Tempelhof ein drittes Möbelhaus; direkt an der Stadtautobahn, Abfahrt Alboinstraße.

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