Zeitung Heute : Den Ball schön flach halten

Vor gut einem Monat jubelte Deutschland über den Gewinn der Fußball-Vizeweltmeisterschaft. Dennoch steckt die Bundesliga in ihrem 40. Jahr in der Krise. Ab Freitag wird in den Stadien wieder gespielt, dann müssen die Vereine scharf kalkulieren: wegen der Punkte, aber noch mehr wegen des Geldes.

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Von Erik Eggers

Am 28. September werden die Sozialromantiker ins Schwärmen geraten. Dann, am 7. Spieltag im 40. Jahr der Bundesliga, tritt der VfL Bochum gegen Werder Bremen an. Das ist ja eigentlich nicht eben ein Knaller, eher ein potenzielles Kellerduell, treffen sich im Bochumer Ruhrstadion doch die unscheinbarsten Akteure einer von den Medien hochgejazzten Liga. Aber auffallen wird, dass keiner der beiden Klubs über einen großen Trikotsponsor verfügt, eine irritierende Weißfläche wird die Brust der Profis zieren. Die Nostalgiker wird das an die vermeintlich alte, gute Zeit vor 1973 erinnern, bevor der Club- und Unternehmerboss Günter Mast bei Eintracht Braunschweig den berühmten „Jägermeister"-Hirsch auf das gelbe Arbeitsgewand drucken ließ und so, da der Hamburger SV (Campari) alsbald folgte, eine neue Runde in der Kommerzialisierung begann.

Indessen ist die Trikotwerbung nur ein kleines Symptom für den ökonomischen Gesamtzustand der Bundesliga. Depressionen herrschen allerorten. „Aus der Krise konnten wir uns noch nicht ganz befreien“, sagte Heribert Bruchhagen, der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL), vor einigen Tagen. Die Krise, damit meint Bruchhagen vor allem die geringeren Erlöse aus den TV-Rechten. Schon im Mai musste die Liga, als die Kirch-Gruppe kurz vor der Pleite stand, bei der letzten Rate auf rund 30 Millionen Euro verzichten. Nun, da der Vertragspartner insolvent ist, können die Manager für diese Saison nur mit 290 Millionen rechnen. Kalkuliert waren 360 Millionen Euro, für die Saison 2003/2004 sogar 460 Millionen. Nach fetten Jahren stehen nun die mageren an.

Das merken nun zuerst die Spieler, speziell in den Vereinen, die offenbar die voraussichtlichen Einnahmen zum Teil ausgegeben haben. Beim VfB Stuttgart, den sein Ex-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder in einem desolaten finanziellen Zustand hinterließ, werden die Spieler in Zukunft die gewohnten Siegprämien in Höhe von durchschnittlich 3000 Euro pro Spiel vermissen. Der Kirch-Krise wegen. „Ich hatte keine andere Wahl“, rechtfertigt sich Manager Rolf Rüssmann, „ich muss 5,5 Millionen Euro einsparen.“ Keine Siegprämien mehr, das ist eine Revolution und ein gewagtes Experiment. Wie wird sich der fehlende wirtschaftliche Anreiz auf den Ehrgeiz der Profis auswirken? Rüssmann geht bei seiner Rechnung von 50 erzielten Punkten aus. Wenn es nur 30 werden und der VfB absteigt, dann bricht der ganze Verein zusammen.

Wie Diven gebärdet

Doch wahrscheinlich werden sich dort die Spieler am Riemen reißen. Denn auch sie bemerken allmählich, dass der Kirch-Deal eine Rezession im Fußball bedeutet. In der Hochkonjunktur der letzten Jahre haben sie sich wie Diven gebärdet, forderten bei Transfers immense Handgelder und obszöne Jahresgehälter. „Die Spieler werden sich bald noch umschauen“, hat Bayern-Manager Uli Hoeneß in einem Interview gedroht.

Dabei haben viele von ihnen schon vor dieser Saison zu hoch gepokert. Der Ex-Dortmunder Miki Stevic etwa schlug leichtfertig eine Offerte des 1. FC Kaiserslautern in Höhe von 1,6 Millionen Euro Jahresgage aus. Auch Ex-Nationalspieler Paulo Rink wurde beim 1. FC Nürnberg aussortiert, seine Forderungen waren so hoch, dass ihm sein eigener Berater einfach nur „Gier“ vorwarf. Nun sind beide ohne Arbeitgeber. Genau wie Stefan Effenberg, der sich, wo er nach dem Ende seines Vertrages bei Bayern München ablösefrei wechseln kann, eine berufliche Veränderung mit gleichen Bezügen wohl leichter vorgestellt hatte.

Und so wartet die Liga diese Saison nicht mit Rekordtransfers auf, um etwa 30 Prozent sind die Umsätze hier gesunken - und zum Gesamtvolumen von rund 110 Millionen Euro trugen Bayern München und Bayer Leverkusen fast die Hälfte bei. Diese beiden Klubs konnten hohe zusätzliche Einnahmen durch Siege in der Champions League verbuchen. Es bleibt nur ein einziger Superlativ: Noch nie hat es, es kursiert die Zahl von 200, so viele arbeitslose Profis gegeben.

Das Irritierende an diesem Szenario aber ist, dass es die Zuschauer offenbar nicht interessiert. So melden viele Vereine trotz Krisenstimmung gute bis sehr gute Zahlen im Dauerkartenverkauf. Der FC Bayern München hat bereits 21 000 Karten abgesetzt, im Ruhrpott sind Borussia Dortmund (45 000) und der FC Schalke 04 (41 000) ein hoher Zuschauerzuspruch sicher. Selbst beim 1. FC Köln, der just in die 2. Liga abgestiegen ist, wollen über 12 000 Fans jedes Spiel verfolgen, sogar gegen die „No-s“ aus Burghausen. Zum offiziellen Saisonauftakt kamen sogar 20 000, um sich das traditionelle Testspiel gegen einen Kreisligisten anzusehen. Viele Zuschauer reagieren also geradezu euphorisch auf die Krise, sie halten trotz des momentan laufenden „Säuberungsprozesses“ (Bayern-Vorstandschef KarlHeinz Rummenigge) ihrem Klub die Treue.

Oder gerade wegen dieser Flurbereinigung? Die Begeisterung, mit der Fußball-Deutschland trotz schlechter Sendezeiten die WM-Finalteilnahme der Nationalmannschaft verfolgte, kam jedenfalls schon überraschend genug. Diese Emotionen, die der deutsche Fußball immer wieder provoziert, werden immer rätselhaft bleiben, sie sind schlichtweg nicht vorherzusagen. Selbst promovierte Betriebswirtschafter kapitulieren vor dieser Sphinx. Ein Beispiel dafür ist eine kürzlich erschienene Studie von Oliver Haas, der als Assistent der Geschäftsführung bei Hertha BSC auch praktische Erfahrungen im Geschäft gesammelt hat. „Controlling der Fußballunternehmen“ heißt sein Buch, das viele unfreiwillig komische Sätze enthält. „Die produzierte Dienstleistung Fußball“, heißt es darin, „ist ein immaterielles Gut, da der Konsum des Fußballs lediglich die Gefühle des Zuschauers berührt.“ Man muss sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen: lediglich die Gefühle. Ein Ökonom wird die Gesetze des Fußballs, seine Irrationalität und Emotionalität, wahrscheinlich nie kapieren.

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