Zeitung Heute : Den Betrügern auf der Spur

Benedikt Voigt

Er hatte sie gewarnt. Jeder, der bei der Eröffnungsfeier Jacques Rogges Worten genauer gelauscht hat, muss gemerkt haben, dass das Thema Doping bei dem neuen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ganz oben auf der Prioritätenliste steht. Das war unter seinem Vorgänger Juan Antonio Samaranch nicht immer so gewesen. In Salt Lake City tauchte zum ersten Mal das Wort Doping in einer Eröffnungsrede auf. "Bitte, denkt daran, dass es mehr braucht, um ein Champion zu sein, als nur als Erster die Ziellinie zu überqueren", hatte Rogge gesagt. "Ein Champion ist jemand, der die Regeln respektiert, der Doping ablehnt und im Geiste des Fairplays kämpft." Am letzten Tag der Spiele musste er diese Worte wiederholen.

Mehr zum Thema Fotostrecke: Bilderrückblick aus Salt Lake City
Rückblick: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen Das IOC macht Ernst. Drei Dopingfälle deckte es am letzten Tag der Olympischen Winterspiele in Salt Lake City auf. Nicht ohne Stolz vermeldete IOC-Generaldirektor François Carrard der Weltpresse, dass die Langläufer Johann Mühlegg, Larissa Lasutina und Olga Danilowa des Dopings überführt wurden. Sie sollen das leistungsfördernde Medikament Darbepoetin (NESP) eingenommen haben. Bemerkenswert ist, dass dieses Medikament nicht auf der Antidopingliste der Olympischen Bewegung vorhanden ist.

Doch in den Statuten steht auch, dass die Einnahme von Substanzen nicht erlaubt ist, die mit verbotenen Mitteln verwandt sind. Und Darbepoetin ist mit Epo verwandt. Das Mittel steht deshalb noch nicht auf der Dopingliste, weil es erst seit drei Monaten offiziell auf dem Markt ist. Trotzdem konnte man es jetzt schon aufspüren. "Das ist eine klare Botschaft an alle, die betrügen wollen", sagte Arne Ljungqvist, Mitglied der medizinischen Kommission des IOC, "wir sind ihnen auf den Fersen." Mehr als 1200 Athleten wurden ab dem 4. Februar in Salt Lake City getestet. Die Zahl der Dopingtests hat sich damit im Vergleich zu Sydney verdoppelt.

Und es werden wohl noch mehr Athleten überführt. Das norwegische IOC-Mitglied Gerhard Heiberg sagte am Montagabend in einem Rundfunk-Interview: "Ich kann nicht ausschließen, dass es in den kommenden Tagen weitere Enthüllungen gibt." Namen und Zahlen wollte Heiberg nicht nennen. Derzeit würden "in Tag- und Nachtarbeit" weitere verdächtige Dopingproben analysiert, sagte er weiter.

Harte Arbeit ist auch notwendig. Es war schon schwierig gewesen, die jetzt bestraften drei Athleten zu überführen. Ein zweistufiger Test, bestehend aus einem Bluttest und einem Urintest, musste angewandt werden. So geschehen bei Mühlegg, Lasutina und Danilowa. Erst wenn der Bluttest auffällige Werte aufweist, also über den erlaubten Werten von 17,5 bei den Männern und 16,0 bei den Frauen liegt, wird der zweite Schritt, eine komplizierte Urin-Analyse vorgenommen. Nur bei einem auffälligen Bluttest und einem positiven Urintest gilt der Athlet als gedopt.

Bei Johann Mühlegg waren die Blutwerte schon beim Weltcuprennen in Kuopio auffällig. Nach seinen beiden Olympiasiegen nahm die Wada, die Antidopingkommission des IOC, am vergangenen Donnerstag einen Urintest im Training. Anschließend lag er sogar vor seinem letzten Olympiastart über 50 Kilometer über dem erlaubten Grenzwert beim Bluttest, in einem zweiten Test jedoch darunter. Er durfte starten. Am Samstagabend drang die Kunde durch, dass sein Urintest positiv war.

Mühlegg führte zu seiner Verteidigung an, Durchfall habe die hohen Blutwerte verursacht. Doch das Exekutivkomitee des IOC entschied gegen ihn. Der Langläufer, der für Spanien startet, musste die Goldmedaille über 50 Kilometer bis Sonntag 17 Uhr wieder an das IOC zurückgeben. Seine zuvor gewonnenen Goldmedaillen aber darf er behalten. Seine Bluttests waren bei diesen Rennen nicht auffällig. Unter den geltenden Regeln dürfen nur Medaillen aberkannt werden, wenn für einen Wettbewerb ein positiver Test vorliegt. Dass das bei Mühlegg in seinen ersten beiden Rennen nicht der Fall war, muss nicht heißen, dass er nicht gedopt war. Man kann es nur nicht gefunden haben. "Die Werte variieren innerhalb von 24 Stunden, sie sind nach einem Essen ganz anders als vorher", erklärte Ljungqvist. Außerdem sei NESP eine sehr langwirkende Substanz. Ljungqvist sagte: "Die Interpretation überlasse ich Ihnen."

Die Russinnen waren am Donnerstag vor der 4 x 7,5-Kilometer-Staffel bei einem Bluttest auffällig geworden. Lasutinas Blutwert betrug 16,8, die russische Staffel konnte ohne Lasutina nicht an den Start gehen. Die russische Delegation hatte das zum Anlass genommen, sich über die fortdauernde Benachteiligung bei den Olympischen Spielen zu beklagen. Sie drohte sogar, die Mannschaft zurückzuziehen.

Doch auch die Wada schritt nach dem positiven Bluttest zur Tat und nahm bei beiden Russinnen einen Urintest vor. Bereits in der Nacht zum Sonntag war bekannt, dass dieser Test positiv war. Doch noch musste der Fall das reguläre Prozedere des IOC durchlaufen: Anhörungskommission, Disziplinarkommission, Exekutivkomitee. "Eine Athletin ist erst dann ausgeschlossen, wenn das Exekutivkomitee sie aus dem Wettbewerb nimmt", erklärte Rogge. Weil das erst am Sonntagmittag passierte, durfte Lasutina zuvor noch 30 Kilometer im klassischen Stil laufen. Und gewinnen. Die Goldmedaille musste sie aber sofort wieder abgeben. "Ich denke, dass das russische NOK beide Fälle vor das Court of Arbitration bringen wird", sagte das russische IOC-Mitglied Witali Smirnow. Lasutina bezeichnete er als einen ehrenhaften Menschen. "Ich bin empört über den Fall Larissa Lasutina."

Wie Johann Mühlegg durfte die Russin ihre beiden zuvor gewonnenen Silbermedaillen behalten. Auch Olga Danilowa kehrt, obwohl sie des Dopings überführt wurde, von den Spielen mit einer goldenen und einer silbernen Medaille nach Hause zurück. "Sie mögen vielleicht technisch gesehen Olympiasieger sein, aber moralisch ist das eine ganz andere Sache", sagte Jacques Rogge. Und nochmal: "Es braucht mehr zu einem Champion, als nur als Erster die Ziellinie zu überqueren." Es könnte sein, dass er das noch öfter wiederholen muss.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben