Zeitung Heute : Den Buckel runterrutschen

Robert Ide

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Der Katzenbuckel ist kein Berg, er ist nicht mal eine Anhöhe. Er ist ein Huckel, der im Winter unauffällig aus der weiß bedeckten Erde herauslugt. Meiner Mutter war diese Erhebung dennoch stets eine Warnung wert. „Fahr nicht so schnell da runter“, rief sie mir hinterher, als ich nach der Schule mit meinem Holzschlitten zum verschneiten Schlosspark zog. „Und nimm die richtige Seite!“

Die richtige Seite war die Seite, auf der alle artigen Kinder herunterfuhren. Sie war nicht so steil wie die Rückseite des Hügels – wenn man da überhaupt von steil sprechen kann. Und es war die Seite, die nicht zum Wasser zeigte. Auf der falschen Seite floss die Panke. Und obwohl die Panke gar kein richtiger Fluss ist, nicht mal ein ruhiger Bach, betrachtete ich es als Herausforderung, mit meinem Schlitten die Rückseite des Katzenbuckels runterzurutschen.

Natürlich sollte meine Mutter Recht behalten. Es war ein sonniger Wintertag, als ich mich mit meiner Schwester auf meinem Schlitten den Berg hinabstürzen wollte. Wir hatten irgendwie eine schräge Richtung eingeschlagen, so halb an der Rückseite vom Katzenbuckel. Da stand ein Baum – natürlich der einzige. Wir fuhren direkt auf ihn zu, ich riss den Schlitten herum, dann sah ich plötzlich das Wasser vor uns, ein paar Enten stoben aus dem Weg, das Wasser kam näher und näher, meine Schwester schrie mir ins Ohr, ich sprang ab, riss sie mit in den Schnee, der Schlitten trudelte weiter und versank schließlich in der Panke. Auf dem Heimweg weinte ich.

Seit diesem Tag habe ich ein Wintertrauma. Ich vermied jeden Skiurlaub, bei Schneefall zog ich mich mit Büchern an den Ofen zurück. Auf einen Schlitten habe ich mich nicht mehr gesetzt.

Jetzt schneit es wieder. In diesen Tagen spaziere ich oft durch den Volkspark Friedsrichshain und sehe traurig den rodelnden Kindern zu. Ich muss mein Trauma überwinden, sage ich mir dann jedes Mal – gleich morgen, vielleicht erst mal auf dem kleinen Katzenbuckel. In meinem Flur steht schon ein neuer Schlitten. Meine Mutter hat ihn mir zu Weihnachten geschenkt.

Der Katzenbuckel ist rund um die Uhr geöffnet und befindet sich im Schlosspark Pankow.

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