Zeitung Heute : Den Davidstern vom Hals gerissen

Der Tagesspiegel

Von Barbara Junge

Der Nahostkonflikt beunruhigt Berliner Sicherheitsexperten. Die Stimmung in der Stadt ist explosiv. Die Sicherheitsvorkehrungen seien umfangreich wie seit dem 11. September nicht mehr, sagt Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Nach dem vermutlichen Anschlag auf Djerba, den Demonstrationen in Berlin am Wochenende und der anhaltenden Gewalt in Israel beobachten die Experten besorgt die wachsende Gewaltbereitschaft junger Araber in der Stadt. Am Sonntag wurden erneut zwei Jüdinnen angegriffen.

Kurz nach 17 Uhr saßen Tochter und Mutter in einer U-Bahn der Linie7 am U-Bahnhof Neukölln. Auf die 21-jährige traten zwei „Personen südländischen Aussehens“ wie die Polizei berichtet, zu und hielten ihr einen Anhänger in den Farben Palästinas vor das Gesicht. Ob sie wisse, was das sei. Als die junge Frau verneinte, griff einer der Männer den Davidstern, den sie um den Hals trug und fragte, ob sie Jüdin sei. Als die Frau bejahte, riss ihr der Angreifer die Kette vom Hals und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht. Die Mutter wollte ihrer Tochter zur Hilfe kommen und bekam ebenfalls einen Faustschlag ins Gesicht ab. Dann rannten die Männer auf dem U-Bahnsteig davon. Gefasst wurden sie nicht.

Bereits an Ostern waren zwei orthodoxe Juden auf dem Kurfürstendamm verprügelt worden. Zudem stellt auch das Landesschulamt zunehmend antisemitische Vorfälle an Schulen fest. Erst vor kurzem war ein jüdischer Schüler russischer Herkunft von einem Mitschüler ebenfalls gefragt worden, ob er Jude sei - und erhielt auf sein Ja hin eine Ohrfeige. Der Nahostkonflikt habe die Stimmung unter palästinensischen und allgemein arabisch-stämmigen Jugendlichen aggressiver gemacht, berichtet Bettina Schubert vom Landesschulamt. Sie stellt eine „Gewaltlatenz“ fest.

Noch sind es wenige Fälle, betont der Leiter der polizeilichen Staatsschutzes. „So viele ,wenige Fälle’ wie im Moment hatten wir jedoch selten.“ Auch beim Staatsschutz sieht man wie in den Schulen insbesondere die männlichen Jugendlichen mit arabischem Hintergrund (viele sind deutsche Staatsbürger) als das größte Problem an. Während die Älteren, in politischen Vereinigungen Organisierten, eher ruhig und besonnen aufträten, schlägt den Kriminalisten unter den Jugendlichen viel Aggression, gepaart mit unpolitischem Machismus und wenig rationalem Handeln entgegen.

Schon seit Beginn der zweiten Intifada beobachtet der Leiter des Staatsschutzes auch bislang unpolitische Jugendliche auf politischen Demonstrationen. „Bei der damaligen Palästina-Demonstration im Oktober 2000 schlug uns ein unerwartet hohes Aggressionspotenzial entgegen – von Leuten, die bisher eher durch unpolitische Gruppengewalt aufgefallen waren.“ Nach dem 11. September sei es zwar überraschend ruhig geblieben. Doch jetzt „wegen der eigenen Betroffenheit“ habe sich die Situation zugespitzt. Dennoch erwarten die Sicherheitsbehörden keine Selbstmordattentate oder ähnliche Anschlägen in Berlin oder der Bundesrepublik. Man müsse auch hier mit religiös fanatisierten Leuten rechnen. Doch gerade die gewaltbereiten Jugendlichen hätten nicht die Mentalität für Anschläge.

Entwarnung geben die Sicherheitsexperten deshalb aber noch lange nicht. Der amtierende Polizeipräsident Gerd Neubeck sagte am Montag im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses, Ausschreitungen wie bei der Demonstration am Samstag - als etwa Steine auf die britische Botschaft flogen - könne es auch künftig geben. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sagte, manche Vorkommnisse bei der Demonsstration machten ihm Sorge. Die Sicherheitslage in der Hauptstadt sei sehr angespannt. Die Schutzmaßnahmen unter anderem für israelische, jüdische und US-Einrichtungen seien „auf dem Niveau ähnlich wie nach dem 11. September“.

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