Zeitung Heute : Den die Hoffnung trägt

Wie Viktor Juschtschenko zum Sinnbild für Wandel in der Ukraine wurde

Thomas Roser[Kiew]

In der Ukraine demonstrierten erneut Zehntausende gegen den Betrug bei der Präsidentenwahl am Sonntag. Wer ist eigentlich Oppositionschef Juschtschenko – und auf wen kann er sich stützen?

Wie eine Beschwörungsformel skandieren hunderttausende von Ukrainern tranceartig seinen Namen, jubeln dem Mann mit dem verschwollenen Gesicht zu. Seine Gegner verunglimpfen ihn als US-Agent oder „Faschist“, seine Anhänger sehen in ihm den Hoffnungsträger für eine Demokratisierung der Ukraine: Kaum jemand weckt derzeit zwischen Dnistr und Dnjepr so viele Emotionen wie Oppositionschef Viktor Juschtschenko.

Eine Karriere als Volkstribun war ihm kaum vorherbestimmt: Er sei in seinem Herzen eher Ökonom als Politiker, sagt der 50-Jährige. Als Sohn eines aus dem KZ Auschwitz geflüchteten Kriegsveteranen wurde er im ostukrainischen Dorf Khoruschiwka geboren. Sein Wirtschaftsstudium absolvierte er im westukrainischen Ternopil – eine Region, die schon zu Sowjetzeiten als Hochburg der ukrainischen Nationalbewegung galt. Den entscheidenen Karrieresprung machte der hochgewachsene Banker 1987, als er zur Landwirtschaftsbank nach Kiew wechselte. 1993 wurde er mit 39 Jahren zum Chef der Nationalbank der inzwischen unabhängigen Ukraine. 1996 führte er die neue Nationalwährung Griwna ein. 1999 nahm der Aufsteiger das Angebot von Präsident Kutschma an, als Premier die Regierungsgeschäfte zu führen: Damals bezeichnete er Kutschma als „politischen Vater“.

Seine Wirtschaftsreformen sollten bald Früchte tragen: Unter seiner Ägide zog das Wachstum kräftig an. Doch vor allem von seiner Energieministerin Julia Timoschenka fühlten sich die mächtigen Industrie-Oligarchen des Landes auf die Füße getreten. Und durch den Skandal um die Ermordung des Journalisten Georgi Gongandze, die auch Präsident Kutschma angelastet wurde, verschlechterte sich Juschtschenkos Verhältnis zum Staatschef zusehends.

Der begann in dem stets populärer werdenden Regierungschef einen Rivalen zu sehen – und ließ ihn 2001 durch das Parlament aus dem Amt kegeln. „Ich kehre zurück!“, erklärte Juschtschenko. Doch der außerparlamentarischen Bewegung zur Absetzung von Kutschma schloss er sich – zur Enttäuschung Timoschenkas – nicht an: Als „Weichei“ oder Opportunist wurde der Hobby-Imker damals beschimpft. Doch rechtzeitig vor der Parlamentswahl 2002 gelang es dem als Mann des Ausgleichs geltenden Juschtschenko, die zersplitterten nationalen, liberalen und konservativen Kräfte zu dem Bündnis „Unsere Ukraine“ zusammenzuschmieden: Auf Anhieb wurde der neue Oppositionsbund im Parlament stärkste Partei.

Bis vor wenigen Wochen galt der fünffache Vater als der mit Abstand attraktivste Politiker des Landes. Doch ausgerechnet zum Auftakt des Wahlkampfes setzte ihn nach einem Essen mit dem Geheimdienstchef eine mysteriöse Erkrankung vorübergehend außer Gefecht. Der seitdem durch Pusteln und Ekzeme entstellte Oppositionschef ist bis heute von einem gezielten Vergiftungsanschlag überzeugt.

Doch die Absicht, ihn auszuschalten, schlug fehl. Pflegte Juschtschenko sein Publikum früher mit langatmigen wirtschaftlichen Ausführungen zu langweilen, elektrisiert der körperlich geschwächte Kandidat mit seinen bissigen Angriffen auf die „Banditen“ nun die Massen. Als Sinnbild für Wandel gewinnt er mehr und mehr Unterstützung. Einstige Gegner treten heute gemeinsam mit ihm auf. Der Staatsapparat schlägt sich zunehmend auf seine Seite. Unter den Militärs, den Beamten, den Sicherheitskräften und Polizisten wachsen die Sympathien für den 50-Jährigen stetig. Nicht zuletzt deshalb sind die Horrorszenarien gewalttätiger Auseinandersetzungen nicht Wirklichkeit geworden. Bisher.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar