Zeitung Heute : Den Durchblick beim Bewerben

Wenige, gute Anschreiben bringen mehr als massenweise Standard-E-Mails

Anne Meyer

Es kostet nichts, geht schnell und verhindert, dass sich Papierberge anhäufen: Bewerbungen per E-Mail werden immer beliebter – sowohl bei Unternehmen als auch bei Bewerbern. Doch so unkompliziert es ist, mal eben eine E-Mail zu verschicken, so riskant ist es auch: Das elektronische Verfahren verleitet viele dazu, ihre Bewerbung in einem Rundumschlag an alle Adressaten zu schicken, die auch nur annähernd als Arbeitgeber in Frage kommen. Mit diesem Viel-hilft-viel-Motto begeht man allerdings den größtmöglichen Fehler, den man bei der Jobsuche machen kann.

„Jeder Personaler möchte sein Unternehmen in der Bewerbung wiederfinden“, betont Judith Engst, Autorin des Duden-Ratgebers „Erfolgreich bewerben“. „Man merkt sofort, wenn einfach nur die Adresse im Anschreiben ausgetauscht wurde.“ Das gilt natürlich genauso für postalische Bewerbungen. Auch hier besteht die Gefahr, dass man zum Beispiel die Anrede oder den Namen des Unternehmens aus Versehen stehen lässt und Frau Müller von Siemens plötzlich als Herr Meier von Bosch angesprochen wird. „Das ist natürlich ein sofortiges Ausschlusskriterium“, sagt Engst.

Erfolgversprechender ist es, nur wenige Bewerbungen zu schreiben, dafür aber so viel wie möglich über den Arbeitgeber zu recherchieren: „Stellt die Firma ein besonderes Produkt her, ist sie vielleicht bekannt für ihre Innovationsfreude? Wer solche Aspekte in seinem Anschreiben herausstellt, zeigt, dass er sich Gedanken gemacht hat“, so Engst.

Ein individuelles Anschreiben hat auch noch einen praktischen Nebeneffekt: „Der Bewerber baut sich unbewusst eine Strategie zusammen“, so Erik Benkendorf von der Berliner Arbeitsagentur. „Er setzt sich automatisch mit seinen Stärken und Schwächen auseinander und weiß im Vorstellungsgespräch genau, warum er den Job will.“ Es kann aber auch passieren, dass man beim Aufsetzen des Anschreibens merkt, dass die Arbeit gar nicht zu einem passt – und dass man sich die Mühe sparen kann.

Viele große Firmen umgehen die Flut von Standardbewerbungen mittlerweile von vornherein, indem sie normale Bewerbungen gar nicht mehr zulassen. Wer sich beispielsweise um einen Ausbildungsplatz bei der Deutschen Bank bewirbt, muss an einem mehrstufigen Online-Bewerbungsverfahren teilnehmen. In einem ersten Schritt werden Daten wie Geburtsdatum und Schulnoten abgefragt. Sind die Mindestanforderungen erfüllt, folgt das „E-Assessment“ mit einem kognitiven Test und Fragen zur Berufsmotivation. „Das bietet den Bewerbern die Chance, zu prüfen, ob sie den Job wirklich wollen“, erklärt Oliver Stoisiek, bei der Deutschen Bank zuständig für die Rekrutierung von Schulabgängern. Außerdem werden Szenarien aus dem Berufsleben geschildert und der Bewerber muss erläutern, wie er in solchen Situationen reagieren würde. „Hier ist es wichtig, dass man ehrlich antwortet und nicht das ankreuzt, von dem man denkt, dass wir das erwarten.“

Ein Tipp wird immer wieder genannt: herausfinden, was die eigenen Fähigkeiten sind. „Oft sind das außerschulische Stärken“, so Engst. „Wenn jemand gut organisieren kann, schlägt sich das nicht in der Deutsch- oder Mathenote nieder.“ Auch an Hobbies sollte man denken. Stoisiek rät, Freunde und Verwandte zu fragen: Was passt zu mir, was sind meine Stärken? „Es ist ja eine wechselseitige Geschichte: Nicht nur der Bewerber muss zum Unternehmen passen, wir müssen auch dem Bewerber gefallen.“

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