Zeitung Heute : Den Freund an seine Seite

Peter Siebenmorgen

Gerhard Schröder reist zu den Feierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkriegs nach Moskau. Wie kam es, dass die Russen ausgerechnet Deutschland eingeladen haben?

Seit einiger Zeit wurde es geraunt, nun ist es amtlich: Bundeskanzler Schröder ist von Präsident Putin zur Gedenkfeier zum 60. Jahrestag des Kriegsendes eingeladen. Diese Einladung zum 8. Mai 2005 reiht sich ein in die Veranstaltungen, zu denen Schröder in diesem Jahr geladen war – nach Warschau und in die Normandie. Und doch ist die Einladung Russlands etwas anderes. Sie dokumentiert eine politische Partnerschaft und Freundschaft, die sich außerhalb jeglichen Institutionengeflechts entwickelt hat: Russland gehört weder der Europäischen Union noch der Nato an.

Sicherlich spielten und spielen bei der Annäherung zwischen Deutschland und Russland auf beiden Seiten kühle Interessen eine wichtige Rolle. Nicht erst seitdem Putin und Schröder im Amt sind, schon unter Gorbatschow, Jelzin und Kohl. Doch auch die geostrategische Konstellation ist eine andere als in früheren Zeiten: Denn ein Zusammengehen dieser Staaten kann von keinem anderen Nachbarn mehr als Bedrohung gesehen werden. Während der Bezugspunkt USA für Moskau wichtig ist, um die Reste des Großmachtstatus zu wahren, sieht Putin in Berlin das eigentliche Tor zum Westen. Dass Putin Schröder eingeladen hat, passt zunächst vorzüglich in das Bild vom emotionslosen Technokraten der Macht.

Doch dafür ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Russland zu präsent, um eine so symbolische Geste nur aus Machtkalkül hervorzubringen. Es ist eine andere Dimension der Versöhnung, die in der Einladung zum Ausdruck kommt: Im Westen ist Berlin der ehrliche Vermittler russischer Interessen, so empfindet man das in Moskau. Von Deutschland glaubt man überhaupt, dass es die Probleme Russlands besser als alle anderen verstehe. Schröder auf jeden Fall. Was im Übrigen erklärt, dass Putin nicht sein protokollarisches Pendant, den Bundespräsidenten, sondern den Gestalter der Beziehung, den Bundeskanzler, eingeladen hat.

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