Zeitung Heute : Den Frieden hüten, wo keiner ist

Deutschland fördert eine Militärschule in Ghana, hier sollen UN-Soldaten für Afrika ausgebildet werden

Christoph Link[Accra]

Am Strand, direkt an der belebten Ausfallstraße nach Tema, stehen Soldaten und ballern in eine Düne hinein. Das ist der Schießstand der ghanaischen Armee, und wer zur künftigen Ausbildungsstätte für Friedenshüter – dem Kofi-Annan-Zentrum – möchte, der muss daran vorbei. „Plopp, plopp – plopp, plopp“ – die Schüsse hallen noch in die schicken Strandlokale der Umgebung hinüber und erinnern an einen dunklen Punkt in Ghanas Geschichte: 1979 ließ hier der Fliegerleutnant und Putschist Jerry Rawlings drei ehemalige Staatschefs und fünf hohe Militärs erschießen.

Aber unter seinem Nachfolger John Kufuor galt Ghana, die frühere Goldküste, als Insel der Stabilität in Westafrika, die auch wirtschaftliche Erfolge vorweisen konnte. Das änderte sich mit dem Militärputsch 1999, seitdem stolpert das Land von einer Krise in die andere, und eine Schule für afrikanische Blauhelme musste nach Mali verlegt werden.

Dabei sollte es nicht bleiben – Ersatz sollte her, auch weil Ghana auf lange Erfahrungen bei UN-Missionen zurückblicken kann. Seit 1960 hat das 20 Millionen Einwohner zählende Land Blauhelme für fast jede UN-Mission gestellt, und im Kriegsmuseum der Ashanti-Königsstadt Kumasi wird an die Einsätze in mehr als 20 Ländern erinnert – von Bosnien bis Pakistan. Ghanas Armee hat eine lange Tradition. Als „Gold Coast Regiment“ hat sie in britischen Kolonialdiensten schon während beider Weltkriegen – im Abessinien-Krieg und in Burma – mitgekämpft. Bei ihren ersten UN-Einsätzen Anfang der 60er Jahre im Kongo durften ghanaische Soldaten noch die traditionellen Jujus mitführen – mit Muscheln geschmückte Zaubermasken und Helme, die sie vor Verwundungen schützten. Heute sind sie im Militärmuseum von Accra zu sehen, neben den erbeuteten Waffen, Flaggen und Essgeschirren der Offiziere der deutschen, japanischen und italienischen Armee.

Vor zwei Jahren hat die deutsche Bundesregierung entschieden, Ghana beim Bau eines „Kofi-Annan-Trainingszentrums“ für Friedenshüter zu unterstützen. Vor allem die Staatssekretärin Uschi Eid trommelte für die Idee, dass Konflikte besser regional zu schlichten und zu lösen seien. Wie zum Beispiel bei der jüngsten Afrika-Krise in Liberia, wo heute, nach dem Sturz von Charles Taylor, eine Übergangsregierung unter Gyude Bryant die Geschäfte übernimmt. Beim jüngsten G-8-Gipfel hatte Uschi Eid offenbar Erfolg. Auch Großbritannien, die USA und Kanada wollten plötzlich zum Kofi-Annan-Zentrum etwas beisteuern. „Die Briten hängen jetzt ihren eigenen Anbau hinten dran“, sagt der Bauleiter und Chef der deutschen Beratergruppe, Oberstleutnant Klaus Eckhardt. Die Kanadier haben immerhin eine heikle Frage geklärt, sie wollen die Finanzierung der laufenden Kosten – zwei bis drei Millionen Dollar – im ersten Jahr übernehmen.

Einen Steinwurf vom fast fertigen Schulungszentrum hat Ghanas Armeechef General Carl Coleman seine Baracke in der Oku-Kaserne. Die Behausung des Generals nimmt sich bescheiden aus neben dem großen, hotelähnlichen Kofi-Annan-Zentrum, wo es einen Hörsaal und einen zweiten Saal für strategische Sandkastenspiele gibt. Man müsse Friedensmissionen weltweit institutionalisieren, sagt General Coleman. Nicht nur Soldaten, auch Polizisten, Justizpersonal und Zivilisten aus Westafrika sollen im Kofi-Annan-Zentrum ab November geschult werden.

Bei früheren Missionen in Afrika waren afrikanische Friedenssoldaten auch oft negativ aufgefallen. Mitte der neunziger Jahre plünderten nigerianische Soldaten in Liberia, und marokkanische UN-Soldaten griffen bei einem Massaker in der Stadt Kisangani im Kongo nicht ein. „Sie können keinen Frieden hüten, wenn er nicht da ist“, versucht General Coleman die Pannen der Vergangenheit zu erklären. Entscheidend für Erfolge seien aber auch das Mandat und die Führung der Truppe. Im Schulungszentrum sollen die Erfahrungen bei früheren Krisen ausgewertet werden.

Aber auch das „sittliche“ Verhalten von UN-Blauhelmen in afrikanischen Krisenherden – ganz gleich, ob sie aus Europa, Asien, Südamerika oder Afrika kommen – wirft immer wieder Fragen auf. Denn wo sie stationiert werden, da floriert die Prostitution. „Wir klären unsere ghanaischen Friedenssoldaten über Aids auf“, sagt General Coleman. Auch dürfe nicht geheiratet werden während der UN-Missionen. Doch das sei leider trotzdem schon ein paar Mal vorgekommen. Die Soldaten hätten daheim Frau und Kinder zurückgelassen.

Ghanas Streitkräfte zählen nach sehr wohlwollenden Schätzungen 13000 Mann, und ständig sind rund 4000 der Soldaten unterwegs auf UN-Mission. „Im Lande kommt die ghanaische Armee auf dem Zahnfleisch daher“, heißt es in diplomatischen Kreisen in Accra. Da gebe es Bataillone, die nur auf dem Papier existierten.

Bei Soldaten aus Entwicklungsländern sind UN-Einsätze begehrt, und auch für die Regierungen sind sie Einnahmequellen: 30 US-Dollar am Tag, so heißt es, erhalte Ghana für einen Blauhelmsoldaten bei den Vereinten Nationen, und die Regierung gebe 20 Dollar an den Soldaten weiter. So gelten in Ghana, einem Land mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 340 Dollar im Jahr, UN-Soldaten als reiche Leute. Wieder daheim, können sie in Autos, Häuser und Betriebe investieren.

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