Zeitung Heute : Den Frühling suchen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Nicola Kuhn

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Alle Welt klagt über den Berliner Winter, der gottlob vorüber ist: Trist, grau, schier unendlich, wie immer. Aber einen Vorteil hatte er dieses Jahr, trocken war er. Das weiß ich zu schätzen, seit sich mit Frühjahrsbeginn der Berliner Himmel immer wieder öffnet und es regnet. Jan und Josefine stört das nicht die Bohne. Im Gegenteil. Am liebsten würden sie ohnehin zu jeder Witterung in Gummistiefeln gehen, und endlich gibt es einen Grund, ihre Regenschirme mit Teddy- bzw. Entengriff auszuführen. Unterwegs gibt es dann stets ein großes Hallo, wenn sie wie zwei wandelnde Regenschirme durch die Straßen ziehen. Ich habe allerdings meine liebe Not, von oben zu erkennen, in welche Richtung die kleinen Regenschirme als Nächstes spazieren.

Letztes Wochenende nun stimmte sogar das Wetter. Die Regenschirme konnten glücklich zusammengeklappt bleiben und der Frühlingsausflug ins Brandenburgische wie geplant stattfinden. Anstandslos kletterten Jan und Josefine in ihre Kindersitze; dafür haben wir Erwachsenen ihre trällernden Kinderchöre vom Band zu ertragen, die für sie zum Autofahren dazugehören. Gemeinsam hätten wir so jedes Ziel in Brandenburg erreichen können. Warum musste es ausgerechnet Werder sein? Wenige Kilometer vor dem ansonsten sympathischen Havelstädtchen beschlichen uns erste Zweifel, als wir mit etlichen anderen Ausflüglern im Stau steckten und Josefine vor lauter Stop and Go und Tralala an ihrem Frühstücksbrötchen zu würgen begann. Wir haben es noch tapfer bis zur Altstadt geschafft, aus der uns schon von Ferne Wein- und Würstchengerüche herüberwehten. Bevor sich unser Zwillingswagen allerdings endgültig zwischen Ballonverkäufern und Grillständen verkeilt hätte, haben wir Reißaus genommen. Nein, wenn alle Welt nach Werder zum Baumblütenfest fährt, mag das etwas für massenhaft auftretende Liebhaber von Kirsch- und Erdbeerwein sein, aber für einen Familienfrühlingsausflug eignet sich das Örtchen zu diesem Termin wenig.

Zum Glück hatten wir im Stau das Schild nach Petzow gesehen, wohin wir uns reumütig flüchteten. Himmlische Ruhe herrschte dort, nur ein paar versprengte Touristen in der herrlichen Parkanlage. Mit dem Auto konnten wir vorfahren bis zum Schloss, auf dessen Gartenterrasse wir uns erschöpft niederließen. Jan und Josefine, die sicher auch dem Baumblütenfest positive Seiten abgewonnen hätten, waren ebenfalls begeistert: eine riesige Wiese mit Blümchen, die sie abrupfen durften, das Schloss hinter Planen eingerüstet und für Versteckspiele besonders geeignet, dazu Milchreis als Mittagessen und ältere Damen am Nebentisch, die einem Kuchen zustecken. Das Beste aber waren die Feuerkäfer. Was die beiden Stadtkinder genau mit den Tierchen angestellt haben, konnten wir von unserem Kaffeetisch aus wohlweislich nicht erkennen. Auch wenn ein wenig beunruhigte, dass Spaziergänger stehen blieben, um sich dieses Schauspiel zu betrachten, ja sogar Kameras zückten. Wir wollten nur noch den Frühling genießen. Von sehr weit weg kam die Frage der netten Kellnerin, ob wir auch nach Werder zum Baumblütenfest fahren.

Schloss Petzow, Café, Restaurant, Terrasse, Zelterstr. 5, 14542 Werder, Tel. 03327/46940

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