Zeitung Heute : Den Fuß in die Tür bekommen

Rolf Winkel

In den offiziell ausgeschriebenen Stellen wird überall jahrelange Berufserfahrung gefordert ist - und genau die können Sie nun mal nicht vorweisen? Kein Grund zur Resignation. Auch in qualifizierten Berufen gibt es für Berufsanfänger immer wieder Möglichkeiten Berufserfahrungen zu sammeln. Ein Standard-Rezept gibt es dabei zwar nicht. Gut geeignet sind aber qualifizierte Aushilfstätigkeiten und Projektarbeiten. "Den Fuß in die Tür bekommen", meint Arbeitsmarktexperte Michael Binz, "das ist für Hochschulabsolventen zunächst einmal das zentrale Problem". Wer nicht gerade über langjährig gewachsene Beziehungen zu Unternehmen verfügt (am besten über Praktika oder die Diplomarbeit, die in Abstimmung mit dem Unternehmen geschrieben wurde), tut sich dabei häufig schwer. Sein Tipp: Auch in qualifizierten Tätigkeiten werden immer wieder Aushilfen gesucht, weil Mitarbeiterinnen in Mutterschaftsurlaub gehen, krank werden, das Sabbatical nehmen oder auch einen längeren Urlaub antreten. Qualifizierte Aushilfsjobs werden, so seine Erfahrung, häufig durch Verleihfirmen vermittelt. "Immer mehr versuchen deshalb Hochschulabsolventen, über einen zeitlich befristeten Einsatz in Diensten eines Verleihunternehmens erst mal ein Bein ins Unternehmen zu bekommen. Zeitarbeit wird von den Betroffenen häufig als Sprungbrett in Unternehmen benutzt, die sie spannend finden oder wo sie sagen, das ist mein Traumunternehmen wo ich hineinmöchte." Dieses Konzept geht häufig auf: "Wer in dem befristeten Job zeigen kann, ich bin gut, ich kann was, kriegt oft auch ein Arbeitsangebot", weiß Michael Binz.

Ganz wichtig bei der Leiharbeit ist auch: Hochschulabsolventen bekommen über den befristeten Einsatz in einem Betrieb Zugang zu dessen "schwarzen Brett". Und offene Stellen werden meist zunächst einmal hier - firmenintern - ausgeschrieben. Wer auf diese Ausschreibung reagieren kann, hat natürlich weit bessere Karten als bei einer Bewerbung auf Stellenangebote, die man in öffentlich zugänglichen Datenbanken findet. In Zahlen ausgedrückt: Wer sich auf eine Ausschreibung auf dem schwarzen Brett bewirbt, hat möglicherweise nur 5 statt 500 Mitbewerber.

Nicht jedermanns Sache, aber im Einzelfall durchaus erfolgversprechend ist ein weiterer Tipp von Michael Binz: "Wir haben da einige Beispiele, da sind die Hochschulabsolventen einfach mal in die Unternehmen reingegangen, die sie interessierten und haben gesagt: Hier bin ich und ich würde gern mal mit jemanden in der Personalverwaltung sprechen." Erstaunlich, aber wahr: Die Gespräche kamen tatsächlich zustande und führten zur späteren Einstellung. Binz ist sich deshalb sicher: "Wenn man sich gut verkauft gut rüberkommt, nicht zu aufdringlich und vehement auftritt, dann kann das gut ankommen. Denn man zeigt Aktivität und Engagement, man geht auf Leute zu und in vielen Jobs sind das ja ganz gefragte Eigenschaften."

Übrigens: Die in diesem Artikel zitierten guten Tipps des Arbeitsmarktexperten Michael Binz gibt dieser als Leiter von Contact, einem Bewerbungs- und Beratungszentrum des Kölner Arbeitsamtes. Solche Bewerbungszentren (manchmal heißen sie auch anders, aber immer geht es um Hilfestellungen bei der aktiven Arbeitssuche) gibt es mittlerweile in den meisten Arbeitsamtsbezirken. Besonders wichtig an Hochschulorten: Diese Zentren beraten auch Hochschulabsolventen qualifiziert beim Berufseinstieg. Diese Dienstleistungen können Absolventen übrigens auch dann in Anspruch nehmen, wenn sie - was die Regel ist - keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Voraussetzung ist nur: Die Betroffenen müssen sich beim Arbeitsamt arbeitssuchend melden und sich von ihrem Arbeitsvermittler eine "Zuweisung" zum Bewerbungszentrum geben lassen.

Allerdings: Im Landesarbeitsamtsbezirk Berlin gibt es solche Zentren derzeit noch nicht. Ansprechpartner für Hochschulabsolventen sind hier die - meist recht rührigen - "Hochschulteams" der Arbeitsämter: Auch hier gilt die Grundregel: Rechtzeitig beim Arbeitsamt melden - am besten schon einige Monate vor Studienabschluss. Denn seine Bewerbungskampagne startet man - so die Faustregel der Arbeitsvermittler - im Idealfall bereits ein halbes Jahr vor Studienende.

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