Zeitung Heute : Den Geist managen lassen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

All die Stars in der Stadt glitzern so heftig, dass man ohne Sonnenbrille das Haus gar nicht mehr verlassen sollte. Die Könige und Königinnen des roten Teppiches kommen wie die royalen Vorgänger natürlich nicht ohne Hofstaat aus. Anders als in den langsamen alten Zeiten, wo es jahrhundertelang nicht ohne Hofdame und Mundschenk ging, wechseln heute die Personal-Moden genauso schnell wie die Schuhmoden. Eine Weile brauchte der Star von Welt dringend seinen eigenen Koch, vorzugsweise, um aus 20 Mineralwassersorten die geeignete heraus zu filtern. Vor zwei oder drei Jahren wurde der persönliche Koch vom persönlichen Trainer abgelöst. Der private Sportlehrer wurde in der Folge auch für mittlere Manager mit moderaten Karriereambitionen zum ultimativen must have. Wer auf sich hält, kommt nicht ohne individuelle Betreuung aus. Unter den richtig großen Stars hat der sogenannte Mind Manager inzwischen den Personal Coach abgelöst.

Persönliche Gurus haben sich lange um die Befindlichkeiten der oft sensiblen Stars gekümmert und die Rauheiten des Geschäfts mit trendigen Übersetzungen von Omas Trostsprüchen abgefedert. Mind Manager sind noch ein bisschen mehr. Sie kümmern sich um den Kopf, aber nicht nur, sonst hießen sie wohl eher Brain Manager. Bei „mind", dem englischen Wort für Geist, schwingt immer auch ein bisschen Seele mit. Zum Handwerkszeug des Mind Managers gehört also nicht nur die Psychologie, sondern auch Philosophie und Theologie, um die zu managende Seele bei der Stange zu halten. Der moderne Mind Manager orientiert sich vorzugsweise an fernöstlicher Weisheit. Man fragt sich bei solchen Phänomenen natürlich immer, was kommt als nächstes? Letztens über den Fitness-Coach gestaunt, diesmal fassungslos den Seelentrainer angestarrt. Wo führt das hin?

Da auch in der Mode alles wieder kommt, lohnt vielleicht eine kleine Rückschau. Geistige Coaches gibt es nämlich schon seit Jahrhunderten, sie hießen nur anders. Nehmen wir Teresa von Avila, eine spanische Gelehrte des 16. Jahrhunderts, die gemeinsam mit einem ihrer Trainer die damalige Bildungsszene ein ganzes Stück voran brachte. Die Kirche dankte es beiden später mit dem Heiligen-Status, der in diesen Kreisen so viel bedeutete wie unter Filmstars ein Fuß- oder Händeabdruck im Walk of Fame auf dem Hollywood Boulevard.

Coaches hießen damals natürlich noch nicht „Coach“, sondern „Beichtvater“. Das waren nicht immer nur finstere Voyeure, die alten Mütterchen fünf Rosenkränze aufbrummen. Die Royals früherer Jahrhunderte nutzten sie ganz im Stil der Stars eher als Sparringpartner zur persönlichen Weiterentwicklung. Da die Menschen über Jahrhunderte mehr oder weniger gleich ticken, ändern solche Hilfsmittel allenfalls das Label, nicht aber das Prinzip. Erst kürzlich empfahl der „Stern“ ein Buch der spanischen Heiligen in einer Serie über gesundes Leben. Meine Prognose für die nächsten Trends: dem Mind Manager folgt ein Psychoklempner nach der Art, wie ihn Maoris benutzen. Den indianischen Medizinmann hatten wir auch schon länger nicht mehr. Und dann, jede Wette, folgt das Revival des Beichtvaters. Fünf Jahre. Höchstens.

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