Zeitung Heute : „Den goldenen Kugelschreiber sollte man dem Chef zeigen“

Korruptions-Expertin Birgit Galley erklärt, wie Angestellte Geschenke von Geschäftspartnern korrekt handhaben

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Ist es korrupt, potenziellen Auftraggebern Weihnachtsgeschenke zu machen?

Zwischen zwei Privatunternehmen ist das grundsätzlich noch nicht korrupt, es können aber Anfänge sein.

Wo fängt die Korruption denn an?

Die Korruption fängt an, wenn ein Mitarbeiter für das Geschenk etwas tut, was er normalerweise nicht tun würde oder dürfte, und was auch nicht im Sinne seines Arbeitgebers ist. Noch deutlicher wird es, wenn der Beschenkte dem Schenkenden einen persönlichen Vorteil zukommen lässt, den er anderen nicht geben würde, wenn er ihn also zum Beispiel bei einer Ausschreibung begünstigt. Nur weil sich jemand beschenken lässt, heißt das aber noch nicht, dass er korrupt ist.

Darf ein Vorstandsmitglied größere Geschenke annehmen als ein einfacher Angestellter?

Strafrechtlich gibt es keine Grenze für den Wert von Geschenken. Sie dürfen nur nicht gegen den freien Wettbewerb verstoßen. Im Prinzip ist es egal, ob der Vorstandsvorsitzende das Geschenk bekommt oder der Pförtner. Einige Unternehmen schreiben aber selbst Verhaltensleitlinien vor, in denen etwa drinsteht, wie hoch der Wert für Geschäftsessen oder -reisen sein darf. Das gilt dann auch für Angestellte und Vorstände.

Wie sinnvoll sind solche Verhaltensrichtlinien?

Ich würde den Unternehmen auf jeden Fall empfehlen zu regeln, was erlaubt ist und was nicht. Das macht es den Mitarbeitern leichter, denn sie wissen, was sie dürfen. Dann können sie auch leichter mal nein sagen.

Was sollte ein Mitarbeiter eines Unternehmens tun, wenn er ein wertvolles Geschenk von einem Geschäftspartner bekommt?

Wenn ein Mitarbeiter etwa einen goldenen Kugelschreiber geschenkt bekommt und das Unternehmen keine Richtlinien für den Umgang mit solchen Geschenken hat, würde ich ihm raten, mit seinem Chef zu sprechen. Dann ist er in der Firma auf der sicheren Seite. Generell sollte man sein Gefühl testen und sich fragen: möchte ich, dass mein Kollege von dem Geschenk weiß, das ich bekommen habe? Wenn man das klar mit nein beantwortet, dann ist das der erste Ansatz zur Korruption, weil es im Verborgenen abläuft und nicht mehr transparent ist.

Was sollte man tun, wenn man merkt, dass ein Kollege auffällig reich beschenkt wird?

Ich würde empfehlen, da nicht unbedingt gleich etwas zu tun. Sie gefährden Ihre eigene Position, wenn Sie einfach zum Chef oder zum Staatsanwalt laufen. Besser ist es, wenn das Unternehmen eine Stelle eingerichtet hat, die solche Hinweise von Mitarbeitern qualifiziert entgegennimmt. Viele bezeichnen das zwar als Denunziantentum, das ist es aber gar nicht. Das Unternehmen schützt damit nämlich seine loyalen und ehrlichen Mitarbeiter. Unternehmen müssen dahin kommen, dass sie erkennen: wir haben bestimmte Schlüsselpositionen und Mitarbeiter sind bei uns auch Wissensträger. Das machen aber leider viel zu wenige Unternehmen.

Gibt es Branchen, in denen besonders wertvolle Geschenke gemacht werden?

Überall da, wo hohe Margen verdient werden. Also zum Beispiel in der Baubranche. Wenn eine Baufirma erst mal einen Auftrag bekommen hat und dann denjenigen beschenkt, der die Nachträge kontrolliert, kann sie die Summen eventuell noch erhöhen. Aber auch bei Autos, Kosmetik oder Schmuck gibt es viel Spielraum. Es kommt aber auch immer auf die Abteilung an. In Einkaufs- oder Vertriebsabteilungen sind die Geschenke in der Regel größer als anderswo.

Die Pharmabranche war lange als besonders großzügig bekannt.

Früher wurden Ärzte mit der ganzen Familie zu einwöchigen Reisen in den Süden eingeladen, auf denen mal einen halben Vormittag lang ein Vortrag gehalten wurde. Das ist aber sehr zurückgegangen, weil heute viel stärker hingeschaut wird. Auch die Krankenhausverwaltungen achten darauf, was ihre Ärzte mit den Pharmaunternehmen so machen.

Was verschenken Sie selbst Ihren Geschäftspartnern zu Weihnachten?

Wir verschicken selbst gemachte Weihnachtskarten mit einem Schokoladentäfelchen drauf und spenden für die SOS Kinderdörfer oder die Deutsche Krebshilfe.

Und was bekommen Sie von Ihren Geschäftspartnern geschenkt?

Bisher noch nichts. Aber vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich in einer Branche arbeite, die nicht bestechlich ist.

Die Fragen stellte Stefan Kaiser.

Birgit Galley, 35,

ist Gründerin und

Geschäftsführerin der Beratungsfirma

Forensic Management GmbH in Berlin, die sich auf firmeninterne Ermittlungen spezialisiert hat.

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