Zeitung Heute : Den Griechen mit der Seele suchen

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Marius Meller

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

In seinem süddeutschen Heimatstädtchen hatten der Neu-Berliner und seine Lebenspartnerin einen Lieblingsgriechen. Da dort fast alle Häuser aus dem frühen 18. Jahrhundert stammen (weil im letzten großen Krieg nur eine einzige Fliegerbombe gefallen ist, und auch die nur aus Versehen – in einen Schrebergarten in der Vorstadt, der allerdings dabei völlig zerstört wurde) – deshalb ist der Siebzigerjahre-Betonbau, in dem sich der Lieblingsgrieche befindet, eine stadtbekannte Attraktion. Das Restaurant wird von den Bewohnern der süddeutschen Heimatstadt des Neu-Berliners liebevoll „der Beton-Grieche“ genannt. Niemand in der Stadt weiß, ob der Grieche eigentlich „Arkadia“ oder „Delphi“ oder „Olympos“ heißt.

Da es sich bei der Heimatstadt des Neu-Berliners um eine Universitätsstadt handelt redete der Kellner im Beton-Griechen seine Gäste grundsätzlich mit „Prrofessorr“ an, auch Studenten mit Rasta-Locken oder Hutzelweibchen aus der Altstadt. Wenn ein Pärchen am Tisch saß, egal wie alt, sprach er von „Verrlobbterr“ bzw. „Verrlobbte“, und wenn z.B. der Neu-Berliner mit Lebenspartnerin und deren Freundin dort essen ging, hieß es jedes Mal: „Verrlobbterr Professorr, hast du zwei Verrlobbte, du glicklich!“ Als der Neu-Berliner und seine Lebenspartnerin vor dem Umzug in die große Stadt das letzte Mal vom Beton-Griechen nach Hause gingen, kämpften sie mit den Tränen.

In der großen Stadt muss ein neuer Lieblingsgrieche gefunden werden! Zaghaft betreten die beiden Neu-Berliner das erste Objekt, die „Taverna Apollon“, zehn Minuten zu Fuß von ihrem neuen Domizil. Eine Vertrauensperson hatte den Tipp gegeben. Skeptisch betrachten sie das Interieur: Sie müssen zugeben, dass genau die richtige Menge und Mischung von Amphoren-Imitaten, Plastik-Aphroditen und nackten Gips-Herkulessen vorhanden sind. Dann geht alles sehr schnell. Als der Kellner die Vorspeise bringt und genau in die Mitte stellt mit den Worten „damitt es kein Strreitt gibt“ ist ihnen klar, dass sie ihren neuen Lieblingsgriechen gefunden haben. Das Essen und der Retsina-Wein sind auch vorzüglich.

Der Blick fällt auf ein Poster mit dem delphischen Orakel, dem Eingang zur Unterwelt, und es stellen sich metaphysische Gesprächsthemen ein, das deutlichste Anzeichen von Wohlbefinden. Jemand vom Nebentisch komme ihr bekannt vor, meint die Lebenspartnerin, vielleicht eine flüchtige Bekanntschaft aus einem früheren Leben, allerdings sei das schwer rekonstruierbar, da sich die betreffende Person wahrscheinlich auch in einem früherem Leben befunden hätte. Und der Neu-Berliner, der im Unterschied zu seiner mutigen Lebenspartnerin oft Angst vor dem Tod hat, entwirft ein Szenario, in dem er am Eingang der Unterwelt gefragt wird, ob er noch ein weiteres Leben haben oder lieber doch gleich in den Orkus eingehen wolle. Heute zumindest, da sie ihren neuen Lieblingsgriechen gefunden hätten, würde er sich für den Orkus entscheiden, sagt der Neu-Berliner zu seiner Lebenspartnerin als der Kellner zwei Gläser Ouzo bringt und fragt, ob es „Strreitt“ gegeben habe.

Taverna Apollon, Danziger Str. 72 Ecke Prenzlauer Allee, Telefon: 4426104.

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