Zeitung Heute : Den Herbst besuchen

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Er hat einen großen Plan in der Hand, auf dem sind die wichtigen Bäume der Pfaueninsel eingezeichnet. „Erbsenfrüchtige Lebensbaumzypresse“, sagt endlich der Künstlerfreund. Und dann liest er dem Rentner vor, die Punkte besonders betonend: „Chamaecyparis pisifera Sieb. et Zucc. var. sqarrosa Beissn. et Hochst.“ „Kurios“, sagt der Rentner. Sie setzen sich an einen kleinen Springbrunnen in einem Steinrund. Der Rentner hätte gerne noch eine romantische kleine Kugel, die auf dem Wasserstrahl tanzt. Bei E.T.A. Hoffmann hatte er das gelesen, da war er noch ein Kind.

Gegenüber, auf einer Anhöhe, fast auf der anderen Seite der Insel, lässt die große Fontäne ihr Wasser von der obersten Schale in eine zweite und dann ins Becken sprühen. Lange Wiesen, darüber der blaue Himmel, Blicke auf die Havel, auf ein Segelboot, zwei weidende Pferde. Scheinbar ist dies hier eine brandenburgische Landschaft, ein Kaninchenwerder, und doch ist sie von Lenné und anderen konstruiert worden. Und dazu die erfundene preußische Vergangenheit: der neugotische Pferdestall, die Meierei. Die Freunde fühlen sich wie im preußischen Arkadien, wie das ein Berliner Schriftsteller genannt hat.

An der kleinen Statue der Rachel vor dem Schloss hatte der Künstlerfreund erzählt, wie 1852 die berühmte Schauspielerin hier vor Friedrich Wilhelm IV. und dem Zaren Nikolaus vorgetragen hat. Gewaltig und hinreißend sei ihr Spiel im Freien gewesen. Der König war begeistert. Aber irgendein boshafter Mensch (war’s Fontane ?) hat auch überliefert, sie sei in ihren Schleiern fast nackt gewesen. Am Ende des Spazierganges sitzen der Rentner und der Künstlerfreund auf einer Rundbank. Vor ihnen lagert ein Pfau im Rosenbeet. Dem Rentner scheint der Sommer zu Ende zu gehen. Auf diese Bemerkung rezitiert der Künstlerfreund ein Gedicht von Gottfried Benn.

Melancholie schwebt über dem Idyll und dem Herbst. Dem Künstlerfreund wird’s zu viel: „Jetzt aber schnell weg! Schnell zur Fähre!“

Pfaueninsel, Fähre 1. 9. - 31. 10.: 9 - 18 Uhr. Ab 1. 11.: 10 - 16 Uhr. Ein hübsches und kenntnisreiches Buch: Jobst Siedler, Auf der Pfaueninsel, Spaziergänge in Preußens Arkadien, 1992.

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