Zeitung Heute : Den Herbst revolutionieren

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Den besten Sommer unseres Lebens haben wir hinter uns, sagte neulich ein Bekannter, als es zu regnen begann. Es klang traurig und erschütternd, aber wenn man alles zusammenrechnet, hat er wohl Recht. So einen langen und heißen Sommer wie den diesjährigen dürfte es zu unseren Lebzeiten kaum wieder geben.

Zum Glück gibt es neben Dauer und Hitze noch ein paar andere Maßstäbe, nach denen ein Sommer bewertet werden kann – Liebesgeschichten zum Beispiel. So eine Liebesgeschichte könnte doch noch einen viel besseren Sommer als den letzten hervorzaubern. Klingt ganz optimistisch, aber erinnert irgendwie an den Genossen Wladimir Iljitsch Lenin, der gesagt haben soll, dass das Wichtigste im Leben ist, dafür zu sorgen, dass das Wichtigste im Leben noch vor einem liegt. Nun ist Lenin zwar keine Instanz, die in unserer Gegend noch viel gelten würde, aber er führt uns zum Thema Revolution, und wann wäre das Revolutionsthema aktueller als im Herbst, der nun beginnt.

Schon vor Jahren hat meine beste Freundin sich gewundert, dass es zwar für alle möglichen Anlässe Ritualgegenstände zu kaufen gibt (Eier zu Ostern, Weihnachtsmannkostüme zu Heiligabend, Knaller zu Silvester), dass aber niemand Festtagsschmuck zum „Revolutionären Herbst“ anbietet. Dabei ist die Zeit zwischen Tag der deutschen Einheit (3. Oktober) und Mauerfall (9. November) für Bundesdeutsche – zumindest für etliche aus dem Osten – doch immer Grund genug für Besinnung und auch für private Feste. Dass Einheitsfeiern meist in DDR-Erinnerungspartys ausarten, liegt wohl daran, dass zwar Kitsch und Süßigkeiten aus dem Osten als Ausstattungsgegenstände taugen, aber kaum die bundesdeutsche Fahne – die wirkt doch eher deutschtümelnd. Dabei wäre es so einfach, Schokoladen-Einheitsfiguren in Form von Kohl und Gorbatschow zu produzieren oder Wimpelketten aus Flaggen aller Bundesländer. Keine schlechte Einnahmequelle wäre das – auch für unseren Staatshaushalt: Der Einheitsstaat müsste nur sein Copyright für die „Deutsche Einheit“ anmelden und könnte dann an jedem deutsch-deutschen Knabbergebäck mitverdienen.

Vorläufig aber ist Selberbacken angesagt, was sogar mit den handelsüblichen Ausstechformen geht, weil die Umrisse von Helmut Kohl denen des Weihnachtsmanns nicht unähnlich sind und auch die christlichen Sterne für revolutionäre Zwecke umgedeutet werden können.

Man kann aber auch einfach spazieren gehen. Denn alle, die den schönsten Sommer ihres Lebens noch nicht beenden wollen oder erst jetzt mit ihm beginnen, haben noch ein paar Tage Zeit für Freiluftbeschäftigungen. So wie meine französische Freundin. Sie schwört auf Sanssouci, vielleicht, weil sich dort am besten die Illusion vom Sommer erhalten lässt. Auch im Herbstnebel verzaubern die Prachtbauten am Wegesrand. Die meisten schließen am 15. Oktober für ein halbes Jahr. Der Park hat zwar das ganze Jahr geöffnet, aber immer nur bis es dunkel wird. Meine französische Freundin sagt, Versailles sei nichts dagegen.

Öffnungszeiten und Eintrittspreise von Sanssouci unter www.sanssouci.de oder Tel. (0331) 9694-202

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