Zeitung Heute : Den Himmel versprochen

Sie sind das beste Team dieser Weltmeisterschaft. Sie erinnern an die große Zeit der Achtziger. Jetzt haben die Argentinier gleich drei Maradonas: Javier Saviola, Carlos Tevez und Lionel Messi. Von drei Wunderkindern, die ihren Vereinen früh Millionen einbrachten. Und die das ganze Land hoffen lassen.

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Von Sven Goldmann

Der Adi-Dassler-Platz in Herzogenaurach gehört in diesen Tagen zu den bestbewachten Orten Deutschlands. Herzogenaurach wäre ohne den Konzern mit den drei Streifen ungefähr so bekannt wie Luckenwalde. Ach ja, und Lothar Matthäus ist hier geboren. Seit zwei Wochen logiert hier die argentinische Nationalmannschaft (die mit drei Streifen spielt, aber ohne Matthäus), und diese Herrschaften sind gern unter sich. Der kleine Mann mit den schwarzen Locken aber hat keine Mühe, die Sicherheitskontrollen zu passieren. Welcher Wachmann hält schon Diego Maradona auf? Die Spieler unterbrechen für einen Augenblick das Training, aber dann nimmt Maradona die Perücke ab. Das argentinische Fernsehen hat ein Double zum Training geschickt.

Immer wieder Maradona. Mit verkleinertem Magen und ohne Kokain sieht er aus wie 1986, nur ein bisschen älter, er hat sogar die Frisur von damals. Maradona ist allgegenwärtig. Als argentinisches Groupie im Stadion, als Experte im Fernsehen, als Doppelgänger auf dem Trainingsplatz. Und dann spielt er auch noch mit, gleich dreimal, in Gestalt dreier Wunderkinder. Drei neue Maradonas stehen in Argentiniens WM-Aufgebot, Spieler, die schon bei Junioren-Weltmeisterschaften auffielen: Javier Saviola, Carlos Tevez und Lionel Messi. Kein anderes Land bringt regelmäßig so viele Wunderkinder hervor. Oder erfahren viel versprechende Fußballspieler in Argentinien nur besondere Aufmerksamkeit, weil sie immer mit Maradona verglichen werden? Weil Maradona sie mit sich vergleicht und immer wieder neue Nachfolger ausruft? Am vergangenen Freitag haben sie alle gespielt, Saviola, Tevez und Messi. Die drei verzauberten die Welt mit ihren Pirouetten und Finten und Tricks. Drei Maradonas in einer Mannschaft, das kann kein Gegner überleben. Serbien-Montenegro ging 0:6 unter. Heute geht es in Frankfurt im spektakulärsten Spiel der Vorrunde gegen Holland. Und alles wartet auf ein Dacapo.

Javier Saviola ist jetzt 25 und sieht immer noch aus wie ein Schulbub, die schwarzen Hosen der Nationalmannschaft sind viel zu groß und flattern ihm über die Knie. In Argentinien nennen sie ihn El Cornejito, das Häschen, weil er so geschickt über gegnerische Abwehrbeine springt und Haken um dieselben schlägt. Saviola galt als Jahrhunderttalent, als er vor fünf Jahren die Junioren-WM daheim in Buenos Aires zu seiner ganz persönlichen Veranstaltung machte, als Torschützenkönig, bester Spieler und natürlich Weltmeister. Der FC Barcelona kaufte ihn vom Turnier weg für 33 Millionen Euro und sanierte damit Saviolas Stammverein River Plate Buenos Aires, der kurz vor dem Konkurs stand. Maradona hat ihn gewarnt vor dem Wechsel, aus eigener Erfahrung: „Barca ist die Hölle“. Saviola bekam keine Probleme mit Kokain, aber er hoppelte eher glücklos über den Camp Nou. 44 Tore in drei Spielzeiten reichten den Katalanen nicht, sie schimpften über Saviolas Stil, er würde zu oft Freistöße und Elfmeter herausschinden. So etwas mögen sie in Spanien genauso wenig wie in England. Barca schob Saviola ab, erst nach Monaco, später nach Sevilla.

Vor vier Jahren durfte er erst gar nicht mit zur WM nach Fernost, und auch seine Nominierung für Deutschland ist umstritten, erst recht sein Platz in der Stammelf, wo viele Argentinier lieber Lionel Messi gesehen hätten. Die Halbwertszeiten für Wunderkinder sind kurz. Doch mit 25 zeigt Saviola Stehvermögen, er kämpft um seinen Platz. Beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste schießt er das wichtige zweite Tor, und die argentinische Gala gegen Serbien- Montenegro wäre ohne ihn vielleicht gar keine Gala geworden. Saviola bereitet die ersten drei Tore vor, er hüpft wieder wie ein Hase über den Platz, und als er ihn nach einer Stunde verlässt, verabschieden ihn die argentinischen Fans mit Ovationen. Sogar Diego Maradona winkt hinunter aus seiner Loge.

Vielleicht aber gilt sein Gruß gar nicht Saviola, sondern dem, der für ihn auf den Platz kommt: Carlos Tevez. Saviola ist ein Kind bürgerlicher Eltern, er ist beim bürgerlichen Verein River Plate groß geworden. Tevez und Maradona sind beide in den Slums von Buenos Aires aufgewachsen, beide haben sie bei den Boca Juniors gespielt, und beide wurden schon als Teenager von der europäischen Hochfinanz gejagt. Maradona ist mit 20 nach Barcelona gewechselt. Genauso alt war Tevez, als der den Hype in Buenos Aires nicht mehr ertrug, das Leben unter ständiger öffentlicher Kontrolle, den Druck, jedem Spiel magische Momente zu bescheren. So ging das, seit er 17 war, seit Cesar Luis Menotti, der Weltmeistertrainer von 1978, gesagt hatte: „Carlos erinnert mich an den jungen Diego.“

Im Herbst 2004 ist Tevez am Ende. Er schießt keine Tore mehr, die Zeitungen lästern über seine Beziehung zu einer Fernsehmoderatorin, und in der Nationalmannschaft ist der Stürmer mit den schiefen Zähnen zweite Wahl. In Europa aber reißen sich die Topklubs um ihn. Bayern München bietet zwölf Millionen Euro für Tevez, doch der wechselt für knapp 20 Millionen zu Corinthians Sao Paulo, ausgerechnet nach Brasilien, das ist in Argentinien nicht besonders gut angekommen. Der Fußballspieler Carlos Tevez aber hat sich wieder gefangen, er gilt als der beste in der brasilianischen Liga. José Pekerman, sein Trainer zu Jugendzeiten, nimmt ihn mit zur WM nach Deutschland. Gegen SerbienMontenegro darf er erst mitspielen, als schon alles entschieden ist. Tevez hat ein bisschen gemurrt vor dem Spiel, er will dazugehören. Auch er nutzt seine Chance gegen die Serben. Antritt kurz vorm Strafraum, zwei, drei Haken, Torschuss, alles geht ineinander über, und plötzlich liegt der Ball im Tor. Mit 22 Jahren ist Carlos Tevez angekommen in der seleccion.

Mit Tevez verbindet Maradona ein freundschaftliches Verhältnis, in Messi hat er sich verliebt. Als der kleine Junge mit den kurzen Beinen eine Viertelstunde vor Schluss endlich gegen die Serben sein WM-Debüt gibt, gebärdet Maradona sich wie ein Groupie bei Robbie Williams. Später wird Messi mit seiner leisen, schüchternen Stimme erzählen, dass der große Diego ihn in der Kabine besucht hat, „das war das Größte für mich“.

Messi kommt aus Rosario in der Provinz Santa Fe, in der Heimat ist er so etwas wie ein virtueller Star, weil er dort nie richtig gespielt hat. Mit 13 ist Messi nach Barcelona gegangen, weil sein damaliger Klub, Newell’s Old Boys, nicht eine für sein Wachstum notwendige Hormonbehandlung aufbringen wollte. Es ging um nicht einmal 1000 Dollar im Monat, und der FC Barcelona sprang gern ein. Heute ist seine Ablösesumme auf 150 Millionen Euro festgeschrieben.

Sein großer Freund in Barcelona hält ihn für eine Offenbarung. Der Freund heißt Ronaldinho. Messi ist einen Kopf kleiner, seine Hebel sind völlig anders, ähnlich wie Maradona hat er kurze Beine und einen, nun ja, nicht eben eleganten Laufstil. Messi watschelt, aber er watschelt so schnell, dass kaum ein Sprinter hinterherkommt. In der Viertelstunde gegen Serbien-Montenegro hat er ein Tor vorbereitet (Crespo musste nur noch den Fuß hinhalten) und eins selbst geschossen. Es war die aufregendste Viertelstunde bei einer WM seit den zwei Toren Maradonas 1986 gegen England (wobei in dieser Viertelstunde von Mexiko reichlich zehn Minuten Staunen und Bewundern enthalten sind).

Wie geht es weiter mit den Wunderkindern? Saviola hat gerade mit Sevilla den Uefa-Cup gewonnen, aber er will nicht bleiben, der Verein habe ihm nicht genug Respekt entgegengebracht. Sein Vertrag in Barcelona läuft noch ein Jahr, aber Trainer Frank Rijkaard gehört nicht gerade zu seinen Freunden. Tevez hat mit einem Interesse des FC Chelsea kokettiert, „sie lassen mich beobachten“, aber die Londoner haben lieber den Ukrainer Schewtschenko gekauft.

Und Messi? Hat einen Vertrag in Barcelona bis 2010. Anders als die beiden anderen Wunderkinder spielt El Pulguito, der kleine (sic!) Floh, auf der WM-Bühne nicht um einen neuen Vertrag. Es geht um Argentinien, das Land der Wunderkinder, in dem Lionel Messi mal als Kind gelebt hat.

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