Zeitung Heute : Den Hirngespinsten auf der Spur

Gerhard Roth (56)

Seit Menschen Philosophie und Wissenschaft betreiben, haben sie über die Beziehung zwischen Gehirn, Geist und Bewußtsein nachgedacht und geforscht. Die Mediziner der Antike wußten bereits, daß es eine enge Beziehung zwischen Verletzungen und Erkrankungen des Gehirns und Ausfällen im Bereich der Wahrnehmung, der Motorik, der kognitiven Leistungen (Bewußtsein, Denken, Vorstellen, Erinnern, Handlungsplanung) und auch des Gefühlslebens gibt. Allerdings geriet dieses Wissen im Mittelalter bis weit in die Neuzeit in Vergessenheit, und es herrschte bis in unser Jahrhundert hinein die dualistische Anschauung vor, daß Geist und Gehirn zwei völlig verschiedenen Wesensbereichen angehören, dem Unstofflich-Unsterblichen einerseits und dem Stofflich-Vergänglichen andererseits.Da sich die engen Zusammenhänge zwischen Geist, Bewußtsein und Gehirn nicht gut leugnen ließen, nahm man eine Wechselwirkung (Interaktion) zwischen beiden Wesensbereichen an, die aber wiederum völlig unstofflicher Natur sein mußte. Dies ist der Kern des "interaktiven Dualismus" - der auf den französischen Philosophen Descartes zurückgehenden Geist-Gehirn-Lehre, die wohl auch heute noch am meisten verbreitet ist.Die moderne Hirnforschung geht davon aus, daß Gehirnprozesse und bewußte geistige Prozesse aufs Engste miteinander zusammenhängen - im Klartext, daß jedem Wahrnehmungsinhalt, Gedanke, Gefühl und Willensakt zu einem bestimmten Zeitpunkt genau ein Hirnprozeß entspricht. Dies nachzuweisen wurde in den letzten 50 Jahren durch die Entwicklung des Elektroenzephalogramms (EEG), der Mikroelektrodentechnik und der bildgebenden Verfahren möglich, vor allem der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und der funktionellen Kernspin-Tomographie (fNMR). Die beiden letzten Methoden messen nicht direkt die elektrische Aktivität des Gehirns wie das EEG oder Ableitungen mit Mikroelektroden; sie beruhen auf der bemerkenswerten Tatsache, daß neuronale Erregungen an einer bestimmten Stelle im Gehirn von einer Erhöhung der Hirndurchblutung und des Hirnstoffwechsels (vornehmlich hinsichtlich des Sauerstoff- und Zuckerverbrauchs) am selben Ort begleitet sind.Wenn man mit Hilfe dieser bildgebenden Verfahren die Hirnaktivität untersucht, dann ist die Aktivität einer Versuchsperson immer dann erhöht, wenn das Gehirn vor komplexen Aufgaben steht, die Konzentration und Aufmerksamkeit erfordern, wenn es zum Beispiel ein unbekanntes Gesicht erkennen oder einen komplizierten Satz verstehen muß. Man kann über PET und fNMR also feststellen, welche Hirnteile bei bestimmten kognitiven beziehungsweise geistigen Leistungen einschließlich des Denkens, Vorstellens oder Erinnerns tätig sind, und zwar mit einer Auflösung, die in den Millimeterbereich geht.Freilich erreichen diese Methoden nicht die Ebene einzelner Nervenzellen oder kleiner Zellverbände, wo sich nach heutiger Anschauung die wichtigsten Geschehnisse ansiedeln, die Bewußtseinszuständen zugrunde liegen. Einzel- oder Wenigzell-Ableitungen am wachen Gehirn sind nach wie vor unerläßlich, wenn man dem Rätsel Bewußtsein genauer auf die Spur kommen will. Auf der anderen Seite können die bildgebenden Methoden zeigen, welche Zentren über das ganze Gehirn verteilt gleichzeitig aktiv sein müssen, damit wir irgendeinen Zustand bewußt erleben, und dies wiederum können die Zellableitungen nicht erfassen. Deshalb arbeitet man heute mit Hochdruck an einer Kombination der genannten Methoden.Ein noch so enger Zusammenhang zwischen Bewußtseinszuständen und Hirnzuständen wird einen überzeugten Dualisten nicht wirklich in Schwierigkeiten bringen, denn er vergleicht den Geist mit einem Pianisten, der sein Instrument virtuos beherrscht, aber selbstverständlich nichts hervorbringen kann, was jenseits der materiellen Beschaffenheit eines Konzertflügels liegt. Der Dualismus (auch der interaktive) kann nur dann als überwunden angesehen werden, wenn gezeigt wird, daß Hirnaktivität geistiger Aktivität stets vorausgeht, sie vorherbestimmt und ihr nicht bloß folgt (wie der Klavierklang den Fingerbewegungen des Pianisten).Die moderne Hirnforschung scheint in der Lage zu sein, diesen entscheidenden Beweis gegen den Dualismus anzutreten, und zwar aus folgenden Gründen: Erstens kommen bewußte geistige Zustände im menschlichen (und eventuell auch tierischen) Gehirn nur durch die Aktivität in bestimmten Regionen unserer Großhirnrinde zustande, und zwar vornehmlich im sogenannten Schläfenlappen und Stirnlappen. Hierfür gibt es Gründe, die mit dem Feinbau dieser Regionen und mit ihrer Verknüpfung mit anderen Zentren des Gehirns zusammenhängen. Zweitens müssen diese Regionen in der Großhirnrinde hinreichend mit Sauerstoff und Zucker als "Betriebsstoff" versorgt sein, damit sie überhaupt Bewußtseinszustände hervorbringen können. Und drittens treten bewußte geistige Zustände nur dann auf, wenn zuvor viele Zentren im Gehirn aktiv waren, die selbst nicht bewußtseinsfähig sind (zum Beispiel diejenigen im Hirnstamm).Jedem bewußten Erleben zum Beispiel eines Wahrnehmungsinhaltes geht ein unbewußt ablaufender Entscheidungsprozeß unseres Gehirns darüber voraus, ob es - das Gehirn - sich mit dem soeben Wahrgenommenen bewußt weiter beschäftigen soll oder nicht, und dieser Entscheidungsprozeß kann eine halbe Sekunde oder länger dauern. Dies scheint im übrigen auch bei unserem Willensentschluß der Fall zu sein: Bevor wir uns nämlich bewußt einen "Willensruck" geben, um eine bestimmte Handlung auszuführen, die nicht völlig automatisiert ist (zum Beispiel an einem dunklen, kalten Morgen aus dem Bett zu springen), haben unbewußte Zentren in unserem Gehirn die Sache bereits entschieden, ehe wir sie subjektiv auch "wollen".Bewußtsein, vor allem in Form von Aufmerksamkeit - so zeigen diese Untersuchungen - ist ein Hirnzustand, der in bestimmten Situationen vom Gehirn erzeugt wird, und zwar, wenn Probleme des Wahrnehmens, des Denkens und des Tuns vorliegen, für die es noch keine "Routineantworten" in Form vorliegender Nerven-Netzwerke besitzt. Ist letzteres der Fall, dann brauchen wir kein Bewußtsein, sondern unser Gehirn erledigt diese Probleme völlig ohne oder nur mit begleitendem Bewußtsein.Dieser Zusammenhang zwischen bestimmten Problemsituationen, vor denen unser Gehirn steht, und dem Auftreten von Bewußtsein und Aufmerksamkeit ist inzwischen durch viele kognitions- und neuropsychologische Untersuchungen bestätigt. Die Neurobiologen stellen fest, daß es beim bewußten Erleben zum Entstehen neuer Nerven-Netzwerke oder zum Umverknüpfen bestehender Netzwerke in unserer Großhirnrinde kommt. Unterbindet man derartige Vorgänge im Gehirn durch Verabreichung bestimmter Stoffe, dann beeinträchtigt man auch die entsprechenden Bewußtseinsleistungen.Die moderne Hirnforschung ist also nicht nur in der Lage, einen sehr engen Zusammenhang zwischen Bewußtseinszuständen und Hirnprozessen nachzuweisen, sie kann auch zeigen, welche Hirnprozesse ablaufen müssen, bevor wir etwas bewußt erleben, und sie kann schließlich zusammen mit der psychologischen Forschung plausibel machen, was für eine Funktion Bewußtseinszustände haben, nämlich eine besondere Form von Informationsverarbeitung in Gang zu setzen, die mit der Lösung komplexer Probleme zusammenhängt.All dies ist mit der Vorstellung unvereinbar, daß Geist und Bewußtsein Zustände seien, die unabhängig vom Gehirn existieren und dieses auf geheimnisvolle Weise für ihre philosophische Selbstverwirklichung benutzen. Geist und Bewußtsein sind vielmehr Zustände, die sich innerhalb des Naturgeschehens abspielen und dieses nicht übersteigen.Natürlich ist damit das "Welträtsel Bewußtsein" nur im Prinzip, aber keineswegs zur Gänze gelöst. Vieles an Geist und Bewußtsein ist nach wie vor rätselhaft. Dieses Schicksal teilt allerdings die neurobiologische Bewußtseinsforschung mit vielen anderen naturwissenschaftlichen Forschungsgebieten. Noch ist ganz unklar, wie die Aktivität kleinerer und größerer Nervenzellverbände zu Bewußtseinszuständen führt.Wir wissen nicht einmal, in welcher "Sprache" Nervenzellen eigentlich miteinander sprechen: Ist es die Häufigkeit des Auftretens von Nervenimpulsen pro Sekunde oder der zeitliche Bezug der Nervenimpulse im Bereich von Bruchteilen von Sekunden zueinander? Sind es die chemischen Signale zwischen den Nervenzellen? Sind es alle drei Arten in Kombination plus neuronale Kommunikationsarten, die wir noch nicht kennen?Nur eines scheint klar zu sein: Es geht "natürlich" zu in unserem Gehirn, nirgendwo sind Physiker, Chemiker und Physiologen bisher auf Phänomene gestoßen, die unser bisheriges Weltbild sprengen. Daraus folgt: Geist/Bewußtsein wird man als einen natürlichen Zustand ansehen müssen, der unter ganz bestimmten Bedingungen auftritt und sich durchaus von anderen natürlichen Zuständen radikal unterscheiden mag wie etwa Licht von einem Stück Holz. Das "Welträtsel Bewußtsein" ist dadurch nicht gelöst, aber es erscheint innerhalb unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes lösbar.Die Entschlüsselung des Unbewußten aber steht noch ganz am Anfang. Viele Untersuchungen deuten darauf hin, daß dasjenige, was unseren Charakter, unsere Persönlichkeit ausmacht, sich bereits im Mutterleib und in den ersten Lebensjahren ausbildet und verfestigt, - zu einer Zeit also, wenn noch gar kein Bewußtsein in Form subjektiven, autobiographischen Erlebens vorhanden ist.Aber auch das meiste von dem, was wir später irgendwann einmal bewußt erleben, sinkt ins Unbewußte ab, sobald es vertraut und automatisiert wird, und verfestigt sich zu einem ungeheuren Vorrat an Vorerfahrung, der in jedem Moment unsere Gedanken, Wünsche und Handlungen bestimmt, ohne daß wir davon etwas bemerken. Das Vor- und Unbewußte - soviel scheint gewiß zu sein - steuert das Bewußte; in welchem Maße das Umgekehrte gilt, ist noch ganz unklar. Ob dies die Psychoanalyse freuen oder betrüben wird, bleibt abzuwarten.Die Auswirkungen der Erkenntnisse der Hirnforschung auf unser traditionelles Weltbild sind kaum zu überschätzen. Der Mensch fügt sich durch sie nicht nur hinsichtlich seiner körperlichen Beschaffenheit, sondern auch hinsichtlich seiner geistig-bewußten Fähigkeiten in das Naturgeschehen ein. Damit wird auch die traditionelle Unterscheidung menschlichen Daseins und Wirkens in einen "geistigen" und einen "körperlichen" Bereich obsolet. Alles was der Mensch geistig und psychisch ist und tut, ist eine Leistung seines Gehirns. Dieses Gehirn freilich - als ein körperliches Organ - ist zugleich ein gesellschaftliches Organ: Schon im Mutterleib und in den ersten Lebensabschnitten nach der Geburt saugt es sich, bildlich gesprochen, mit Gesellschaft voll; es würde sich isoliert von den Bezugspersonen, der Familie und den anderen Gesellschaftsstrukturen nicht in natürlicher Weise entwickeln. Anders ausgedrückt: Das Soziale ist natürlicher Bestandteil des menschlichen Gehirns, und alle sozialen Handlungen einschließlich des Schöpferischen in Kultur und Kunst sind eine Funktion von Nervennetzwerken, die sich teils von Genen, teils von der Umwelt geleitet in bestimmter und sehr individueller Weise entwickelt haben.Folgende Frage kommt in diesem Zusammenhang unweigerlich auf: Wenn die Hirnforscher das menschliche Gehirn und seine geistigen Fähigkeiten endgültig enträtselt haben, entsteht damit nicht eine gefährliche Manipulierbarkeit, die sich Diktatoren ebenso wie Werbeagenturen zunutze machen können? Diese Furcht erscheint unbegründet, denn das Enträtseln bewegt sich noch in den ersten Schritten, und die Vorgänge, an denen ein Mißbrauch ansetzen könnte, sind kaum oder noch gar nicht bekannt.Aber auch wenn dies einmal erreicht sein sollte, so folgt daraus überhaupt nicht zwingend, daß man diese Vorgänge auch gezielt beeinflussen könnte, und zwar allein schon aufgrund ihrer ungeheuren Komplexität und der Plumpheit bisheriger menschlicher Eingriffe in das Gehirn. Schließlich aber wird sich ein solcher Aufwand gar nicht lohnen: Zur effektiven Manipulation unserer Gedanken, Wünsche und Handlungen ist weniger die Lösung des Welträtsels Bewußtsein nötig, sondern jene Menschenkenntnis, über die erfolgreiche Politiker und Verführer seit jeher verfügen.Ähnlich skeptisch sollte man bei der anderen beliebten Frage sein, ob man denn nicht bald Roboter oder Computer bauen werde, die Bewußtsein besitzen. Hier wird "intelligentes Verhalten" mit der Fähigkeit verwechselt, neuartige komplexe Probleme zu lösen. Intelligentes Verhalten beruht auf der flexiblen Anwendung eines Repertoires vorhandener Lösungsversuche und läßt sich mit vergleichsweise einfachen natürlichen Nerven-Netzen verwirklichen, wie Insektengehirne zeigen. Bewußtsein braucht man dabei nicht. Das Lösen neuartiger komplexer Probleme aufgrund von Nachdenken, Probehandeln und Abschätzen hingegen setzt einen ungeheuren Vorrat individueller Erfahrung voraus.Das menschliche Gehirn besteht aus schätzungsweise einer Billion Nervenzellen mit einer Billiarde Verknüpfungspunkten (Synapsen), von denen jeder ein Wunderwerk an Signalverarbeitung ist. Dieses sich selbst bauende Gebilde benötigt zehn und mehr Jahre, um die Fähigkeit zum bewußten Lösen komplizierter Probleme auszubilden. Ein ähnlich leistungsfähiger Computer müßte ähnlich komplex sein wie das menschliche Gehirn und ebenso über die Fähigkeit verfügen, sich selbst zu bauen und Erfahrungen zu sammeln. Letztendlich aber wollen wir nur intelligente Roboter, aber keine bewußtseinsfähigen künstlichen Wesen. Mit Bewußtsein sind Selbsterfahrung und Selbstbestimmung (Autonomie) verbunden; und wer möchte wirklich autonome Roboter? Sie würden sich mit ihren Problemen beschäftigen und nicht mit unseren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar