Zeitung Heute : Den Kanzler vermissen

Wie eine Neuberlinerin diese Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Deutschland sei vermachtet, hat der Kanzler in seiner Regierungserklärung gesagt. Überall Interessenvertreter im Land, die bestimmen, wo’s langgeht. Das hat ihm nicht mehr gepasst, deshalb hat er das Bündnis für Arbeit sausen lassen und die Regierungserklärung vorgetragen. Jetzt soll alles flexibler werden. Alle sollen sich auf neue Situationen einstellen, statt sie zu beklagen. Nur, wenn wir umdenken, machen wir Deutschland wieder flott, hat der Kanzler gesagt, nur, wenn wir beweglich sind, überwinden wir die Krise.

Der Kanzler hätte seine Freude gehabt, wäre er am Sonntag im „Maria am Ufer“ gewesen. Das ist ein Tanzlokal an der Spree. Am Sonntag traten dort Johnny Marr and The Healers auf. Die Band ist neu, doch die Musiker sind alle alt. Johnny Marr singt und spielt Gitarre und hat vor 20 Jahren angefangen, Hits für die britische Band „The Smiths“ zu schreiben. Tausende von Gitarrenschülern haben sich die Handgelenke verrenkt, als sie versuchten, die Akkorde nachzuspielen. So schön, so schwer sind die.

Dann hat Marr die Smiths aufgelöst, die Tantiemen-Prozesse mit seinen Bass- und Schlagzeugspielern gewonnen, er hat bei den Pet Shop Boys mitgemacht, bei Billy Bragg, bei The The, mit dem Sänger von New Order eine kleine Band gehabt und nun hat er eine neue Gruppe zusammengeholt.

Da ist er der einzige Große, bis auf den schmächtigen Millionenerben hinter ihm am Schlagzeug vielleicht, Zak Starkey. Der ist der Sohn von Ringo Starr. Von den Beatles! Marr und die Healers stehen oben auf der kleinen Bühne, davor wippen 100 Menschen im Takt, alles schön rockig, aber ein bisschen langweilig, und dann fliegt eine Sicherung raus. Mitten im Lied, plöpp, Licht aus, Ton weg, nichts mehr zu hören. Die elektrischen Gitarren nicht, der Bass nicht, der Gesang nicht. Nichts. Und nun?

Johnny Marr kaut weiter auf seinem Kaugummi herum, guckt zum Mischpult, guckt zu seiner Band, guckt ins Publikum, kurz denkt man: Das macht der doch nicht mit, das ist so einem jetzt zu doof, der geht jetzt und der Millionenerbe gleich mit. Stattdessen fragt er ins Publikum: Has anyone an acoustic guitar? Hat natürlich wieder keiner dran gedacht, aber Bühnenarbeiter gehen eine suchen. Solange spielt Johnny Marr Mundharmonika, vorn am Bühnenrand, wo sich inzwischen auch das Publikum drängelt, erleichtert, dass es weitergeht. Der Erbe tippt ein bisschen auf den Trommeln herum, und so kommt auch ein Lied dabei heraus. Die Leute klatschen. Flexibel zum Erfolg. Dann kommt doch noch eine Akustikgitarre, Marr spielt und das Publikum strahlt vor lauter Glück. Er spielt was von früher, ein Smiths-Hit: „Bigmouth strikes again“, das Großmaul schlägt wieder zu.

Der Kanzler hätte auch jubeln können: eine Sicherung fliegt raus, Flexibilität, um sich hauende Großmäuler. Alles sein Reden.

Aber er war ja nicht da.

Die Regierungserklärung im Internet: www.bundesregierung.de/regierungserklaerung ,-472179/Regierungserklaerung-von-Bunde.htm, die etwas langweilige Johnny-Marr-Platte heißt Boomslang. Das Maria am Ufer ist an der Schillingbrücke/Ecke Stralauer Platz 34/35 in Friedrichshain.

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