Zeitung Heute : Den Kopf heiß geredet

Bisher gibt es keinen Beleg für schädliche Strahlung

Hartmut Wewetzer

Das Wort „Strahlung“ löst bei vielen Deutschen automatisch Angst aus. Umso mehr, wenn es um einen „strahlenden“ Gegenstand geht, den sie vielleicht täglich mehrfach dicht am Kopf halten: ihr Handy. Automatisch verbindet sich mit „Strahlung“ ein zweiter Begriff – Krebs. Wie gefährlich sind Mobiltelefone, wie hoch ist das Krebsrisiko?

„Der größte Teil der Studien konnte keinerlei Verbindung zwischen Mobiltelefonen und Krebs feststellen“, resümiert das Nationale Krebsinstitut der USA den Forschungsstand. Aber endgültig geklärt sei die Sache noch nicht, weitere Untersuchungen müssten folgen, auch deshalb, weil man über die Langzeitfolgen des mobilen Telefonierens natürlich noch nichts sagen kann.

Strahlung ist nicht gleich Strahlung. Die von Handys ausgesandten hochfrequenten Wellen dürfen nicht mit ionisierender (radioaktiver) Röntgenstrahlung verwechselt werden. Handy-Strahlung enthält zu wenig Energie, um Atome und Moleküle zu „ionisieren“, also aus ihren chemischen Bindungen herauszusprengen. Anders die energiereiche Röntgenstrahlung – sie kann Krebs auslösen. Denn der entsteht als Folge tiefgreifender chemischer Veränderungen im Erbgut.

Die einzige eindeutig belegte Wirkung Handy-Strahlung ist dagegen eine geringfügige Erwärmung der Kopfhaut um höchstens wenige Zehntel Grad, vergleichbar dem Aufsetzen einer Wollmütze.

Neben diesen „thermischen“ Wirkungen werden allerdings eine Reihe weiterer Effekte der Mobilfunk-Strahlung diskutiert. So sollen Handys bestimmte Eiweißstoffe (Hitzeschock-Proteine) aktivieren, die Hirnaktivität und die Durchblutung verändern. Diese Effekte werden mit Schlafstörungen, Krebs, Unfruchtbarkeit und unzähligen anderen Störungen in Verbindung gebracht. Aber viele Studien sind umstritten oder lassen sich nicht von unabhängigen Forschern widerholen. Fazit: Allseitige Verwirrung.

Allerdings: Ein „nichtthermischer“ Effekt des Handys ist gesichert, nämlich die mögliche Störung von Herzschrittmachern bei zu nahem Körperkontakt.

Wer auf Nummer sicher gehen will, kann:

die Gesprächsdauer am Handy verkürzen

mit Freisprechanlage/Headset telefonieren

im Auto mit Dachantenne telefonieren

ein strahlungsarmes Handy (niedriger SAR-Wert) benutzen

Fest steht: Es wird weitergeforscht werden. Und fest steht auch, dass es eine abolute Sicherheit nicht gibt und geben wird. Aber zur Panik besteht kein Anlass.

Die Diskussion beißt sich nicht selten an Grenzwerten fest. Das gilt auch für UMTS- Antennenmasten, die nun auf Tausenden von Dächern für die neue Mobilfunk-Generation errichtet werden. Verbände wie der „Bund“ fordern drastisch niedrigere Grenzwerte, gemäßigtere Gruppen plädieren für die Übernahme der vergleichsweise strengen Schweizer Richtlinien. Und UMTS-Betreiber wie Mobilcom verteidigen sich damit, dass die Antennen ungefährlich seien. Aber abgesenkte Grenzwerte könnten zumindest die Bevölkerung beruhigen. Das wäre mindestens Balsam für die Seele des von Strahlenangst Geplagten.

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