Zeitung Heute : Den korrekten Rausch anzweifeln

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Lene ist wieder da. Anfang der 90er Jahre lernte ich sie kennen. Damals lebte sie unter einem SBahn-Bogen. Fragen mochte sie nicht, sie sprach nur, wenn sie wollte. War aber unter den Passanten und Nachbarn offenbar ganz beliebt. Irgendwann war sie plötzlich spurlos verschwunden.Tauchte erst nach Jahren wieder auf. Ungefähr alle zwei Wochen muss ich durch ihr Wohnzimmer unterm S-Bahn-Bogen gehen. Fragen mag sie immer noch nicht. Aber manchmal grüßt sie mich wie eine alte Bekannte. Welche Sprache sie dafür wählt, hängt von ihrer Tagesform ab. Manchmal liegt sie auch nur da und schnarcht laut, mehrere Bierdosen kullern dann zu ihren Füßen herum.

Das erinnert mich an eine Begegnung, die lange zurück liegt. Ein Sozialarbeiter von der glücklicherweise selten gewordenen Art des linken Spießers empfahl, Obdachlosen nicht direkt Geld zu geben, sondern lieber den Einrichtungen, die sie versorgen, dem Roten Kreuz, dem Diakonischen Werk, der Caritas. Dort, so das Argument, bekämen sie wenigstens eine warme Mahlzeit. Geld, das man ihnen direkt gebe, würde doch nur in Drogen oder Alkohol umgesetzt. Kein Anblick eines noch so abgerissenen Berbers hat mir den Schmerz dieser Situation je so deutlich vor Augen geführt, wie diese abgrundtief kluge Bemerkung. Wenn man sich so umsieht, setzen schließlich fast alle Leute größere Mengen Geldes in Alkohol oder Drogen um. Jede Honoratiorenrunde, die sich im Ristorante trifft, braucht dazu einen ordentlichen Chianti. Die glitzrigen Ikonen der Top Society können ihre viel fotografierten Events in Glamourland überhaupt nicht ertragen, ohne etliche Gläser Champagner oder ein paar Prisen Koks. In manchen Clubs stehen die Haschischwolken so dicht, dass man sie in Stücke schneiden und auf einem Cookie-Tablett servieren könnte. Ein Fußballspiel wird erst richtig klasse, wenn ein paar Fläschchen Bier es begleiten. Das alles sind vergleichsweise angenehme Situationen. Netter jedenfalls als eine Platte im Tiergarten, irgendein selbst gebasteltes Schutzdach, das derjenige, der darunter lebt, gegen Eindringlinge kaum verteidigen kann. Denn der Polizist, den er, wenn er ein Handy besäße, zur Hilfe riefe, würde ihn ja zunächst mal fragen, was er selbst dort überhaupt mache. Übrigens wird es sogar unter einem einigermaßen geschützten S-Bahn-Bogen um diese Zeit eher kühl, sehr dunkel und manchmal auch ziemlich nass.

Ausgerechnet den Menschen, die in so unwirtlichen Situationen leben, soll man ihren Umgang mit dem Teufel Alkohol vorschreiben, während der biedere Rest von uns in hell erleuchteten Räumen fröhlich vor sich hinsäuft? Natürlich sind die Einwände über den Alkoholismus an dieser Stelle vernünftig. Ja klar, es ist im Grunde ungerecht, dass der eine obdachlos ist, und der andere nicht. Und auch der Steuerberater hat Recht mit seinem Hinweis, dass sich nur quittierte Spenden absetzen lassen. Und ja doch, die Existenz von Wärmestuben und allen möglichen wohltätigen Einrichtungen ist hinreichend bekannt.

Einem Obdachlosen direkt Geld zu geben, ist vielleicht nicht vernünftig. Trotzdem kann es sonntäglicher sein, als artig Quittungen zu sammeln. Denn anders als bei den Institutionen trifft es immer einen Richtigen.

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