Zeitung Heute : Den Nachtflugverkehr achten

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

So viel vorneweg: Das Nachtflugverbot über der Stadt ist doch eine blöde Erfindung. Als einer von denen, die nicht unter einer Ein- oder Ausflugschneise wohnen, halte ich Flugzeuge über der Stadt für eine großartige Angelegenheit. Bei der Wohnungswahl achte ich grundsätzlich darauf, dass ich einen freien Blick auf mindestens einen Luftkorridor habe. Vor allem in den Abendstunden macht sich das bezahlt, denn dann fliegen die Flugzeuge nicht nur, sondern sie blinken auch bunt. Sehr schön ist das anzusehen.

Und so war mir das auch neulich ein kleiner Trost, als ich von meinem Liegestuhl auf der Museumsinsel aus immer mal ein Flugzeug rechts neben der Alten Nationalgalerie auftauchen sah, das dann allerdings recht schnell wieder hinter einem ungünstig gepflanzten Baum verschwand. Der Film, den ich eigentlich vom Liegestuhl aus auf der Leinwand vor der Alten Nationalgalerie sehen sollte, war sehr schlecht, und so erfreute ich mich wenigstens an den blinkenden Flugzeugen. Ab 23 Uhr aber gilt das Nachtflugverbot in Tegel, so fehlte nun dieser Trost, und ich musste mich ganz dem schlechten Film widmen. Die Szenen ab 23 Uhr habe ich als besonders klischeebeladen und abgeschmackt in Erinnerung.

Neben mir saßen zwei Frauen, die sich, so mein Eindruck, generell weniger für das Flugwesen interessieren, die aber dafür den Film wertschätzten. Sie taten das durch Schluchzen und wiederholten Gebrauch des Taschentuches kund. Ich hielt das für übertrieben, ließ sie aber schluchzen und bemühte mich, meine Langweile nicht durch lautes Hachja-Sagen mitzuteilen.

Irgendwann, viel zu spät, war der Film zu Ende, die Frauen fassten sich und gingen mit mir schweigend zum Auto (das immerhin haben wir, falls das jemanden interessiert, sehr günstig parken können). Ich überlegte lange, wie ich ein Gespräch über den Film beginnen könnte, schloss die Überlegung mit einem beherzten Ach-biste-mal-ehrlich, und sagte: „Was für ein klischeebeladener, abgeschmackter, öder, humorloser Mist.“ Darauf sagten die Frauen erstmal nichts. Dann wurden sie ausfällig. Sie schimpften mich einen gefühllosen kalten Stiesel. Immerhin kam im Film ein Waisenmädchen vor und eine scheinbar gefühlskalte schöne Frau, die von einem gefühlswarmen schönen Italiener aufgetaut wird, um ihn schließlich zu ehelichen und dem Waisenmädchen eine herzensgute Mutter zu sein.

Was soll man da sagen als Stiesel? Dass man Filme mit Liebe und mit Italienern und mit Waisenkindern nicht grundsätzlich ablehnt? Dass man wirklich eine Menge übrig hat für das europäische Kino der Zwischentöne? Ich sagte: „Morgen geh’ ich in den Terminator. Das wird fein.“ Die Frauen schüttelten die Köpfe und sagten wieder lange nichts.

Den Terminator habe ich in einem richtigen Kino mit Wänden drumherum gesehen. Und, na ja, man muss schon sagen, dass auch dieser Film klischeebeladen, abgeschmackt und weitgehend humorfrei ist. Aber blinkende Flugzeuge neben der Leinwand habe ich gar nicht vermisst.

Der Film auf der Museumsinsel ( www.mueseumsfestival.de ) hieß Bella Martha. Er ist gewaltfrei und heute um 15 Uhr im Neuen Kant-Kino zu sehen.

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