Zeitung Heute : Den Nacktmull verteidigen

Marius Meller

Wie ein Neuberliner diese Stadt erleben kann

Was der Neu-Berliner von der grassierenden NacktmullMode halte, fragt ihn sein Freund S. beim Feierabendbier. Vor vielen Jahren sei aus ihrer gemeinsamen süddeutschen Heimat ein gewisser W. nach Berlin ausgewandert, so der Neuberliner. W. sei ein Provinzjournalist und -Schriftsteller, der nach der Wende auszog, die große Stadt zu erobern. Zu seiner Abschiedslesung habe W. eine eindrucksvolle Novelle mit dem Titel „Der Nacktmull“ vorgelesen. Darin wurde zunächst dem damals noch völlig ahnungslosen Publikum erklärt, was man sich unter einem Nacktmull, lateinisch Heterocephalus glaber, gehörig zur Familie der Sandnager, vorzustellen habe: ein daumengroßes Kleintier mit überdimensionierten Nagezähnen, die aus der Schnauze ragen, gelbliche, faltige Haut ohne Fell, Glubschaugen und Ohrlöcher ohne Muscheln – ohne Zweifel eine der hässlicheren Kreaturen, vielleicht, nach unseren Begriffen, die hässlichste Kreatur überhaupt auf diesem Planeten. In W.s Novelle „Der Nacktmull“ entdeckt der Protagonist eine gewisse physiognomische Ähnlichkeit mit seinem Geschlechtsteil. Woraufhin dieses auf Erbsengröße schrumpft, und zwar chronisch. Die Normalgröße erreicht es erst wieder, als sein Besitzer seine ästhetischen Vorurteile abgebaut und auch den Nacktmull in seiner Hässlichkeit zu respektieren gelernt hat. In der Novelle – wie später W. in der Realität – findet das Autoren-Ich zu dieser Haltung erst in der hässlichen großen Stadt, in die er nach dem Nacktmull-Erlebnis aus der schönsten aller Provinzstädte, der Hauptstadt der Kurpfalz, übersiedelt ist. Das sei ein Lehrstück, so der Neu-Berliner zu S. Der „Merkur“-Herausgeber Kurt Scheel, so der Neuberliner weiter, schrieb einmal in diesem Sinne und sehr weise über den Nacktmull, man solle nicht den Fehler machen, ihn im Umkehrschluss als Lichtgestalt und Heilsbringer zu feiern – das Hässliche sei nicht das eigentlich Schöne. Der Nacktmull sehe eben einfach scheiße aus! Aber das dürfe nicht bedeuten, dass wir ihm nicht mit stillem Wohlwollen begegnen.

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