Zeitung Heute : Den Niedergang simulieren

Sonja Niemann

Wie eine Neu-Berlinerin die Stadt erleben kann

Computerspiele sind eine schlimme Zeitverschwendung. Vor kurzem habe ich meine Zeit mit einem Computerspiel namens „Sims 2“ schlimm verschwendet. Das geht so ähnlich wie Spielen mit Puppen und Puppenhaus, bloß elektronisch und mit Fahrstuhl-Musik untermalt. Man hat kleine virtuelle Figürchen, die zusammen in einem Haus leben. Man kann sie streiten und die Ehe brechen lassen oder sie zwingen, überteuerte Stereoanlagen zu kaufen, und sie damit in den finanziellen Ruin treiben. Ein schöner Spaß, eigentlich. Leider haben die Figürchen auch einen kleinen eigenen Willen einprogrammiert bekommen.

Sie sind auch unglaublich schlampig. Wenn Paula, mein weiblicher „Sim“, zum Kühlschrank geht, wirft sie anschließend die Verpackung des Fertiggerichts einfach auf den Boden. Außerdem schläft sie bis 11 Uhr durch, läuft dann den Rest des Tages in Unterwäsche durchs vermüllte Wohnzimmer. Ihr Bruder Paul glotzt den ganzen Tag Fernsehen und isst Chips. Die Teenagertochter von Paul schwänzt die Schule. Gäbe es in der Sims-Welt Dosenbier und Drogen, hätte ich eine echte White-Trash-Familie geschaffen.

Ich habe versucht, meinen Computerfiguren etwas beizubringen. Sie sollten sich mit Kunst beschäftigen, aber sie wollten nicht. Ich hoffte, dass sie ihre künstliche Intelligenz mal nutzen, um mir ein paar Arbeiten abzunehmen – ich muss da immer noch einen Beitrag für diese Hochzeitszeitung schreiben – aber das machen sie auch nicht. Sollen sie doch Chips essen, dick werden, rumhängen, sich anschreien und schauen, wo sie ihre Stereoanlagen herkriegen. Ich spiel einfach nicht mehr mit ihnen.

Aber ich fürchte, sie werden sich rächen. Neulich haben sie mich durch den Monitor hindurch beobachtet. In meiner Küche liegen jetzt öfter mal Fertiggerichtsverpackungen auf dem Boden – und ich weiß nicht, wie sie dahingekommen sind. Jemand isst dauernd meine Chips weg. Meine Stereoanlage fängt manchmal von selbst an, Fahrstuhlmusik zu spielen. Ich sitze jetzt viel zu oft vor dem Fernseher, obwohl ich wirklich nicht will. Wenn ich bald nicht mehr ins Büro komme: Es ist nicht meine Schuld.

Auf eigene Gefahr: „Sims 2“ von Electronics Art, 49,99 Euro.

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