Zeitung Heute : Den Nobelpreisträger beschenken

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Marius Meller

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Wenn der Neu-Berliner zur Arbeit geht, kommt er an „Harb Import-Export“ vorbei und geht durch eine Wolke köstlichster orientalischer Düfte. Der Neu-Berliner hat davon gehört, dass viele Geschäfte heute spezielle Duft-Generatoren aufstellen, mit Duftmischungen, die genau für die jeweilige Zielgruppe konzipiert sind. Dem Neu-Berliner als einem Literaten sind Fragen von Echtheit egal. Er stellt es sich als durchaus reizvoll vor, dass etwa beim Reifenkauf ein Duftspender genau die richtige Menge an Parfum versprüht, die den üblichen Gummigeruch in einem Reifengeschäft zum idealen Gummigeruch macht. Aber er freut sich doch, dass die Duftquelle von Harb Import-Export sofort bei Betreten des Ladens lokalisierbar ist und sich zudem als eine natürliche herausstellt: die große Gewürztheke in der Mitte des Geschäfts.

Aber dem Neu-Berliner hat es vor allem der berühmte libanesische Wein aus dem Bekaa-Tal angetan, den Herr Harb, der Besitzer, nicht müde wird zu preisen. Herr Harb bekommt glühende Augen, wenn er vom Wein seiner Heimat redet. Uralte Weintradition habe sich in der „Schweiz des Nahen Ostens“ mit den Geheimnissen der französischen Weinbaukunst vereint. Und das köstliche Ergebnis sei der Wein aus dem Bekaa-Tal, nicht billig, aber von höchster Qualität und würzigem Bouquet.

Als der Neu-Berliner einmal zusammen mit einem Kollegen Günter Grass interviewen sollte, wurde die Frage nach dem Präsent, das nach einem Interview üblich ist, ausführlich diskutiert. Im Grunde, so die Diskussion, sei Grass wahrscheinlich Biertrinker und genieße starke Kornschnäpse zu den von ihm zubereiteten Gerichten aus den Innereien kaschubischer Schweine. Falls Grass entgegen dieser Einschätzung doch Weintrinker sei – schließlich habe er in Paris gelebt –, dann würde er sich als Nobelpreisträger bestimmt Weine leisten, deren Preis völlig außerhalb jeder Vorstellungskraft liege. Also entschieden sich der Neu-Berliner und sein Kollege für den libanesischen Wein von Herrn Harb. Denn der ist etwas Besonderes für jedermann, auch für Weintrinker.

Nach dem Interview überreichte der Neu-Berliner dem Nobelpreisträger den Wein von Herrn Harb, pries die Weinbaukünste der Libanesen, von denen er, Grass, sich jetzt ein Urteil bilden solle, die Gewürztheke und überhaupt den Import-Export-Laden von Herrn Harb, in dem libanesische Christen und Moslems einträchtig zusammenarbeiten würden, und den er, Grass, unbedingt einmal besuchen müsse. Der Nobelpreisträger stand auf, um sich zu bedanken, salutierte förmlich, und bat, Herrn Harb doch schon im Voraus seine Komplimente zu übermitteln.

Als der Neu-Berliner tags darauf Herrn Harb den Dank von Günter Grass ausrichtet, den Herr Harb sofort richtig als den „berühmten Mann mit Pfeife“ einordnet, schenkt Herr Harb dem Neu-Berliner ein Päckchen Kaugummi mit arabischen Schriftzeichen. Vor dem Laden probiert der Neu-Berliner den Kaugummi umgehend aus. Großartig, denkt der Neu-Berliner, dass er von nun an die Aromen des Orients in Kaugummiform immer parat haben würde.

Harb Import-Export. Delikatessen und Weine aus dem Libanon. Potsdamer Str. 93. 030/265 16 27.

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