Zeitung Heute : Den Osten im Westen finden

Brigitte Grunert

Wie eine Rentnerin die Stadt erleben kann

Der Staat hat kein Geld. Man sieht es auf Schritt und Tritt, jedenfalls abseits der glänzenden Hauptstadtbauten. Der Herr Pensionär und die Frau Rentnerin haben sich angewöhnt, Schlaglöcher und verblasste weiße Markierungsstreifen auf den Fahrbahnen zu zählen, totgelegte Bushaltestellen und verlassene Läden. Gewiss gibt es größere Sorgen. Aber die Beobachtungen im Straßenbild wecken gewisse Assoziationen.

Wie haben wir zu Mauerzeiten über den Osten gelästert. Alles bröckelte, alles grau in grau und abends duster, während der Westen Tag und Nacht strahlte wie die liebe Sonne. Was haben wir gelästert, wenn wir über die Transitautobahn nach Helmstedt ruckelten, bis sie nach großen Ost-West-Verhandlungen endlich erneuert wurde. Kontakte und menschliche Erleichterungen gegen Kasse, das war die Devise. Wie haben wir geschimpft, wenn die Avus eine kilometerlange Baustelle war, was öfter vorkam, weil sie dauernd auf Hochglanz gebracht wurde. Eine Rollschuhbahn war das, ausgenommen zu Ferienbeginn; dann reichte der Stau vom Hüttenweg bis zum Grenzkontrollpunkt Dreilinden/Drewitz.

Heute ist die Avus ein Flickenteppich. Erst neulich wurde sie wieder ein wenig repariert. Manche Straßen könnten das auch vertragen, aber wir leben zurzeit von der Substanz. Selbst dem lieben Besuch von der Mosel fiel es auf. Als der Senat vor einigen Jahren die Avuslichter ausgehen ließ, nahmen wir das gelassen hin. Es geht auch ohne, gewiss doch. Mittlerweile wird überall die Straßenbeleuchtung gedrosselt, die Geschäfte und Kaufhäuser geizen mit der Lichtreklame. Geht auch. Da gibt es gar nichts zu lästern. Sparsamer Energieverbrauch ist sehr sinnvoll, wenngleich dies weniger mit ökologischer Einsicht als mit finanziellen Sparzwängen zu tun hat. Man sieht jetzt auch öfter vernachlässigte Fassaden, hinter denen früher Ladenkassen geklingelt oder Bankfilialen ihre Kunden betreut haben. Leider kümmert sich keiner darum, außer Graffitisprayer.

Natürlich war zu Mauerzeiten mitnichten alles besser. Nur fallen der Frau Rentnerin eben bei jedem Schlagloch und an jeder tristen Ecke gleich die finsteren Löcher in der Staatskasse ein. Neues Glück, neue Sorgen. Da muss man durch. Man kann schließlich nicht ewig von der Substanz leben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!