Zeitung Heute : Den richtigen Ton treffen

Frauen, die piepsig sprechen, gelten oft als naiv und wirken leicht hysterisch. Sprachtrainer helfen, die passende Tonlage zu finden

Elisabeth Binder

Man kennt das aus Talkrunden und von Konferenzen. Ein Mann erzählt mit sonorer Stimme unglaubliche Banalitäten. Eine Frau gibt tiefe Weisheiten von sich, leider mit piepsiger Stimme. Der Mann wirkt wie ein Prophet, die Frau wie ein Mäuschen.

Wer sich piepsig anhört, gilt leicht als naiv und unbedarft. Eine dünne Stimme signalisiert meist fälschlicherweise Unsicherheit. „Mich regt das immer auf, wenn Frauen öffentlich sprechen und nicht auf ihre Tonlage achten“, sagt Vera Schrankl. Die gelernte Schauspielerin und Opernsängerin bietet jetzt in Wochenendkursen Hilfe an. Bislang hat sie überwiegend Gesangsunterricht gegeben. Jetzt schult sie vor allem Frauen, die gehört werden wollen.

Viele, die gelegentlich vor anderen reden müssen, sei es bei geschäftlichen Konferenzen, politischen Veranstaltungen oder wo auch immer, haben Probleme damit. Frauen sprechen ohnehin durchschnittlich eine halbe bis eine ganze Oktave höher als Männer. Eine hohe Stimme aber wirkt leicht schrill. Wenn dann auch noch schnell gesprochen wird, liegt der Vorwurf „Du bist ja hysterisch“ nicht fern. Zuerst erreicht das Gegenüber eben der reine Ton, der in den Körper hineingeht und dort angenehme oder unangenehme Empfindungen auslöst. Dann erst folgt der Inhalt, und es hängt natürlich auch vom Transportmittel, also von der Tonlage ab, wie wohlwollend und aufmerksam und ob überhaupt der von den Angesprochenen aufgenommen wird.

Piepsige Stimmen sind nicht angeboren. Gewiss – manche Frauen setzen eine hohe Stimme bewusst ein, um niedlich zu wirken. In privaten Zusammenhängen ist das auch nicht weiter störend, hat manchmal vielleicht sogar erwünschte Wirkungen. Aber bei öffentlichen Auftritten und dort, wo es um ernsthafte Karrieren geht, ergeben sich eher negative Effekte. Frauen, die Stimmbandprobleme haben oder echte Krankheiten, schickt die 55-jährige gebürtige Münchnerin sofort zum Logopäden. Den anderen gibt sie zunächst einmal Rüstzeug für Situationen, in denen sie aufgeregt sind, zum Beispiel in Gegenwart einer Fernsehkamera oder eines größeren Publikums. Denn dann sprechen sie meist noch etwas höher als sonst, fast immer zu schnell und zu undeutlich und atmen dabei falsch. Sie können in den Kursen Übungen für den täglichen Gebrauch erlernen. Das geht vom Flüstern bis zum Seufzen, damit man erst einmal einen Bezug gewinnt zur eigenen Stimme und sie als Teil des eigenen Körpers bewusst erfahren lernt. In einem Singsang geht es die Tonleiter runter, von ganz oben nach ganz unten. Und Pausen sind ganz wichtig, Pausen zwischen den einzelnen Sätzen helfen der Atmung.

Frauen, die mit tiefer Stimme sprechen, gingen früher gern als Vamp durch. Die hohe Babystimme hingegen signalisiert eine Art Schutzlosigkeit, die als Flirtfaktor gezielt eingesetzt werden kann. Vera Schrankl geht es darum, die individuell richtige Tonlage zu finden, die so genannte Indifferenzlage. Die schont die Stimmbänder, man fühlt sich wohler, kann also Inhalte, die wichtig sind, besser rüberbringen. In Vera Schrankls Kursen wandeln sich unentspannte Kinderstimmen mit schlampiger Aussprache in Stimmen, die man ernst nimmt. Britische Forscher fanden übrigens kürzlich heraus, dass höhere Frauenstimmen eine größere Bandbreite akustischer Wellen aussenden und deshalb für das Gehirn von Männern schwerer zu entziffern sind. Das erfordere eine höhere Konzentration, die dann schließlich zur Ermüdung führe. Menschen, die unter Halluzinationen leiden, meinen danach vor allem deshalb oft, männliche Stimmen zu hören, weil diese leichter zu erfinden sind.

Selber kann man sich nicht richtig hören, obwohl es Übungen gibt, die den Grad verbessern können, mit dem man die eigene Stimme einschätzen lernt. Den meisten Frauen, die an ihrer Stimmlage arbeiten, wird es auf die Wirkung ankommen, die sie auf andere haben. Das aber ist Vera Schrankl zu wenig: „Ich möchte vor allem, dass sie verstanden werden.“

Ein Wochenendkursus kostet 80 Euro. Auskünfte unter Telefon 030/34 27 266.

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