Zeitung Heute : Den Sandmann ausschalten

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Stephan Wiehler

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Am Anfang war das Bilderbuch, doch jetzt macht ihm das Fernsehen ernsthaft Konkurrenz. Emma hat mit ihren 15 Monaten zwar schon eine beachtliche Bibliothek angesammelt, aber ich brauche ihr nur die Erkennungsmelodie des Sandmanns vorzusummen, und sofort lässt sie jedes Buch liegen und krabbelt wie von einem Pawlowschen Glöckchen getrieben zur Glotze und fordert mit anschwellendem Kreischen, dass der kleine Zipfelmützenmann auf der Mattscheibe erscheint.

Gegen diesen Besorgnis erregenden Trend halten wir selbstverständlich umso beharrlicher an unserem abendlichen Ritual fest, mit Emma vor dem Zubettbringen eines ihrer Bilderbücher durchzublättern. Ihr Lieblingswerk war bis vor kurzem noch „Wo ist der kleine Hund?“, ein Bilderbuch mit aufklappbaren Fenstern und Türen, einer Wolke, hinter der die Sonne scheint und Seerosenblättern, unter denen kleine Fröschlein sitzen. Die Geschichte handelt von zwei Hunden, Billy und dem kleinen Flip, die im Garten Ball spielen, bis Flip sich schließlich mit einem Knochen davon macht und sich auf der letzten Buchseite hinter einer Geräteschuppentür versteckt. Nachdem Emma aber nach und nach alle Pappdeckel aus den Seiten gerissen hat, erübrigt sich die Titelfrage des Buches, und der kleine Flip sieht in seinem türlosen Schuppenversteck jetzt fast so dämlich aus wie Billy, der gleich daneben steht und trotzdem weiter nach seinem Artgenossen Ausschau hält. Emmas Interesse an „Wo ist der kleine Hund?“ hat spürbar nachgelassen.

Auch „Tiere auf dem Bauernhof“, das italienische „La città degli orsetti“ (Die Stadt der Bärchen) oder „Mein Freund kennt Fahrzeuge“ sind nach hundertfacher Lektüre langweilig geworden – was leider nicht bedeutet, dass Emma über den Büchern einschläft, sondern im Gegenteil ihren Widerstand gegen das Zubettgehen nur noch verstärkt.

Wir brauchen also neue Bilderbücher, um den abendlichen Frieden zu wahren und Emma vor der Machtergreifung des Fernsehens über ihr erwachendes Kulturbewusstsein zu schützen – jedenfalls noch eine Weile, damit wir sagen können: Wir sind gescheitert, aber wir haben alles Elternmögliche getan, uns trifft keine Schuld. Ich bin mit ihr in die Kinderabteilung der Amerika-Gedenkbibliothek gegangen. Fasziniert krabbelte sie zwischen den Regalen herum und zog ein Bilderbuch nach dem anderen heraus – bis sie das Aquarium entdeckte. In Sekundenbruchteilen hatten die Fische über den Reiz der Bücher gesiegt. Kreischend kniete Emma vor dem Glaskasten und verlangte, auf einen Stuhl gehoben zu werden. Während sie die Fische mit den Fingern an der Scheibe verfolgte, erinnerte ich mich an das Aquarium, das der versunkene ORB früher immer nach Sendeschluss zeigte. Das hatte damals eine sensationelle Einschaltquote. Ich habe Emma dann doch noch von den Fischen losreißen können – mit einem Bilderbuch über den Sandmann. Der Kampf gegen das Fernsehen ist noch nicht entschieden.

Die Kinder- und Jugendbücherei der Amerika-Gedenkbibliothek am Blücherplatz 1 in Kreuzberg ist montags von 15 bis 19 Uhr und dienstags bis sonnabends von 11 bis 19 Uhr geöffnet.

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