Zeitung Heute : Den Starschnitt gibt’s aus dem Internet

Wie das kleine Berliner Label Kitty-Yo den großen Plattenfirmen trotzt und sich auf dem Musikmarkt behauptet

Alva Gehrmann

Dass man Musiker wirklich noch auf der Straße entdecken kann, beweist die Berliner Plattenfirma Kitty-Yo. Ihr Künstler Maximilian Hecker spielte am Hackeschen Markt auf seiner Gitarre und sang so leidenschaftlich, dass ihn das kleine Label von der Straße weg engagierte. Zwei Jahre später ist Hecker einer von Kitty-Yo’s beliebtesten Künstlern. Neuerdings gibt es sogar einen Starschnitt von ihm. Während die „Bravo“ diese Tradition derzeit mit Superstar Daniel Küblböck wieder aufleben lässt, konnte man sich Maximilian Hecker in den vergangenen Wochen übers Internet Stück für Stück ausdrucken.

Und einen Bonus gibt es auch noch: Wer alle Teile des Starschnitts ausgedruckt und zusammengeklebt an die Plattenfirma schickt, der bekommt den lebensgroßen Starschnitt vom Künstler unterschrieben postwendend wieder zurückgesandt. „Gestern haben wir das letzte Stück von Hecker ins Netz gestellt, heute haben wir schon den ersten Starschnitt bekommen“, freut sich Raik Hölzel, Chef von Kitty-Yo, und hält den Papierkünstler hoch. Die Aktion sei natürlich eine Persiflage auf die „Bravo“, aber sie habe auch Spaß gemacht.

Kitty-Yo ist eines von Berlins kleinsten und ungewöhnlichsten Labels. Musikalisch sind sie breit gestreut: Von Rock bis Elektronik gehen die Stilrichtungen, aber so richtig einordnen lassen, wollen sie sich ohnehin nicht. Das Büro im zweiten Hinterhof der Greifswalder Straße ist pragmatisch eingerichtet: Ein paar Regale, in denen die Platten und CDs stehen. Dazu einige Schreibtische, Telefone, Computer und in der Mitte des großen Raumes ist der kleine Besprechungsbereich eingerichtet. Das war’s. Demnächst soll in einem extra gemieteten Raum noch ein kleiner Laden eröffnet werden. Dort können die Kunden sich die Musik wie im Plattenladen in Ruhe anhören – und kaufen.

Gerade mal zehn Mitarbeiter hat das „Independent Label“. Independent, weil es unabhängig von großen Plattenfirmen wie BMG, Sony oder Universal ist. Nächstes Jahr feiert Kitty-Yo das zehnjährige Jubiläum. Raik Hölzel, 38 Jahre alt, ist Chef und Gründer des Labels. Ein Autodidakt. „Die Plattenfirma ist mit meinen Erfahrungen gewachsen“, sagt er. Die ersten zweieinhalb Jahre war Kitty-Yo mehr Hobby als Beruf. Dann entschied er sich dafür, daraus seinen Beruf zu machen. Richtig davon leben konnte er allerdings erst nach fünf Jahren. „Ich habe nebenbei noch gekellnert und Grafiksachen gemacht“, erinnert sich Hölzel.

Seine Stärke ist das Entdecken neuer Künstler: Tarwarter, Laub und Gonzales zum Beispiel. Und er holte Jimi Tenor und Louie Austen zu Kitty-Yo. Austen wollte musikalisch eigentlich in die Fußstapfen von Frank Sinatra und Dean Martin treten, jetzt experimentiert er mit elektronischer Musik. Mit Erfolg. Auch das Album der Band Peaches verkaufte sich 35 000 Mal. Das sind keine Massen, aber für eine kleines Label wie Kitty-Yo schon gut. Im Vergleich dazu: BMG verkaufte das Superstar-Albums „United“ über eine Million Mal. Trotz dieser Erfolgsmeldung klagt die Musikindustrie seit Jahren über die Krise im Musikgeschäft. „Der Tonträgermarkt in Deutschland hat im Jahr 2002 einen Umsatzrückgang von 11,3 Prozent zu verbuchen“, vermeldet Gerd Gebhardt, Vorsitzender der deutschen Phonoverbände. Grund seien vor allem massenhafte Musikkopien, deren Zahl im vergangenen Jahr weiter angestiegen sei.

Raik Hölzel findet es bedenklich, dass der Endverbraucher „kriminalisiert“ werde, nur weil er sich vielleicht ein Mal eine CD gebrannt hat, oder Songs aus dem Internet heruntergeladen hat. Das kleine Label stellte früher auf ihrer Internetseite alle Musiktitel zur Verfügung – umsonst, schließlich sei das ja auch gute Promotion.

„Irgendwann wollte die Gema jedoch, dass wir dafür Lizenzgebühren bezahlen“, sagt er. Das hätten sie sich nicht leisten können, also reduzierten sie das Angebot. Die Krise der „Majors“, der großen Plattenfirmen, ist nach Ansicht von Hölzel hausgemacht. „Sie haben in den vergangenen Jahren zu sehr auf die One-Hit-Wonder gesetzt. Die Majors wollten schnell Gewinn machen“, sagt er. In den Künstleraufbau hingegen investierten sie kaum etwas. „Das rächt sich jetzt“. Viele Musiker brauchten eben zwei, drei Alben, bis sie so weit seien. Kitty-Yo will sich diese Zeit nehmen. „Wir können auch schon mit 2000 bis 4000 verkauften Platten Geld verdienen“, sagt der Label-Chef. „Wir drehen den Cent eben drei Mal um.“

Eine günstige Werbeplattform für kleine Plattenfirmen ist besonders das Internet. Via Newsletter kann Kitty-Yo so die Fans unkompliziert erreichen und über Sonderaktionen – wie den Starschnitt von Maximilian Hecker – informieren. Aber auch über Tourdaten oder Neuveröffentlichungen. In Zukunft werde sich die Bedeutung des Internets noch steigern, glaubt Raik Hölzel. Download-Systeme wie „Music Store“ von Apple, die es jedoch nur in den USA gibt, ermöglichen es jetzt, einzelne Songs für 99 Cent zu kaufen. Gerade wird darüber verhandelt, dieses System auch in Europa einzuführen.

Interessant sind für Kitty-Yo auch Kooperationen mit der Werbewirtschaft. So war vor kurzem im C & A – Werbespot die Musik von Tarwater zu hören. Doch das soll erst der Anfang sein: Denn Raik Hölzel ist Mitinitiator der „Label Commission Berlin“, einer Bezirksgruppe des Verbandes unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten e.V..

Gerade sind sie dabei, ein gemeinsames Netzwerk für Berliner Plattenfirmen zu gründen. 60 Plattenfirmen beteiligen sich bis jetzt daran. In Arbeitsgruppen tauschen sie ihr Know-how aus. Derzeit sind sie zum Beispiel dabei, Einkaufsgemeinschaften zu bilden, um etwa mit den Presswerken bessere Konditionen auszuhandeln.

Denn auch wenn Labels wie Kitty-Yo unabhängig sind, nutzen sie dennoch die Strukturen der Großen. Sei es über den Vertrieb, oder Sonderlizensierungen. Einen Song der Band Peaches hat Kitty-Yo zum Beispiel an Sony weiterlizensiert. „Man muss immer abwägen, ob es dem Künstler nützt, oder nicht.“ Auch am gesamten Label waren schon Majors interessiert. Der Label-Chef lehnte diese Angebote immer ab. „Irgendwann schränken einen die Majors dann doch ein“, sagt Hölzel. Er will lieber frei entscheiden können, welcher Künstler demnächst zu Kitty-Yo gehört. Maximilian Hecker war jedenfalls eine gute Wahl: „In Israel ist er schon ein richtiger Superstar. Er hat dort mehr Platten verkauft als Kylie Minogue.“

Kitty-Yo, Greifswalder Straße 29, 2. HH (Prenzlauer Berg), Telefon: 417 28 00 . Im Internet: www.kitty-yo.de

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