Zeitung Heute : Den Untergrund verabschieden

Britta Wauer

Wie eine Ost-Berlinerin die Stadt erleben kann

Letzte Woche haben sie am Alex gelbe Streifen auf den Boden geklebt, Fahrspuren markiert, die Straße neu sortiert. Die mobilen Ampeln waren noch nicht aufgestellt, als am Sonnabend ein einsamer Polizist den Autofahrern von der Gegenspur zuwinkte, auf und ab hüpfte, um zu zeigen: Ja! Hier geht’s lang!

Wieder eine neue Baustelle in Mitte, noch eine am Alexanderplatz, auf dem es aussieht, wie es Anfang der sechziger Jahre ausgesehen haben muss, als der Alex das moderne Zentrum der Hauptstadt der DDR, also der ganzen Republik werden sollte. Damals wurde der alte Grundriss geopfert, und aus dem Berliner Schlamm wuchsen große Neubauten. Eins dieser Ungetüme sieht man nicht gleich. Es ist das weit verzweigte Fußgängertunnelsystem unter dem Alex und der Grund, weshalb ich begeistert bin, wenn ich an die neue Baustelle denke.

Der Tunnel kommt nämlich weg. Er stammt aus der Zeit, als man es für vernünftig hielt, den Autos mehr Platz zu geben und die Fußgänger sicherheitshalber unter die Erde zu schicken. Ohne Rolltreppen und Fahrstühle, vor allem aber ohne Alternative. Der Alex war eine Insel und für Leute mit Kinderwagen, Gepäck oder Gehbehinderung eine Zumutung.

Bis der Tunnel zugeschüttet ist, dauert es noch eine Weile. Zeit der Vorfreude. Obwohl natürlich ein kleines Stück Berliner Geschichte verloren geht. Stellvertretend sei der Ganoven gedacht, die nach Kriegsende in den Katakomben unterm Alex Schwarzmarktgeschäfte trieben. Der Chef der legendären Gladow-Bande war erst 17 Jahre alt und eigentlich ein süßer Kerl. Dennoch haben er und seine Jungs zwei Männer umgebracht. Als Kinder haben wir uns gewundert, wieso am Alex Hasen herumflitzen, hin und wieder sahen wir auch einen Fuchs. Eine Lehrerin wusste, wo sie leben, als Kind hat sie dort Verstecken gespielt: im Labyrinth unterm Alexanderplatz.

Führungen durch alte Tunnel bietet der Verein „Berliner Unterwelten“, Tel. 499 105 18 oder www.berliner-unterwelten.de.

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