Zeitung Heute : Den Westen entdecken

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Man sieht nur, was man weiß: Mit diesem Spruch, hinter dem bestimmt ein kluger Kopf steht (ich weiß nur nicht, welcher) hat ein großer Verlag einmal Reklame für seine kunstvollen Reiseführer gemacht. Das Gegenteil ist allerdings genauso richtig: Man sieht nur, was man nicht kennt. Was wir täglich vor Augen haben, nehmen wir gar nicht mehr wahr. Das hab ich letzte Woche gedacht, beim Besuch einer großartigen Ausstellung im Londoner Design-Museum. Jedes Jahr kriegt dort ein Designer 30000 Pfund in die Hand gedrückt, mit denen er shoppen gehen kann. Er soll einfach zusammentragen, was ihm originell oder gelungen erscheint und damit eine Ausstellung bestücken. So bekommt man nicht nur preisgekrönte Hochglanzästhetik zu sehen, sondern Design aus Bereichen, wo es allgegenwärtig ist, nur eben nicht als solches wahrgenommen wird: Wir sehen nur, was wir erwarten – und im Drogeriemarkt erwartet kein Mensch Design. Außer Thomas Heatherwick: Der diesjährige Ausstellungskurator hat dort Flügelbinden gefunden, eine geniale Erfindung für die weibliche Hygiene, dessen anonymer Gestalter noch in keinem Museum gewürdigt wurde. In Supermärkten, Gartencentern, auf Basaren, überall wurde der britische Designer fündig – in China, in der Türkei und in Berlin natürlich auch. Hier hat er „zweifarbige Brötchen“ entdeckt. Ist Ihnen das je aufgefallen, dass Laugenbrötchen zweifarbig sind? Sehen Sie. Man sieht nur, was man nicht allzu gut kennt.

Abgesehen von solch praktischen Dingen wie Tortenschaufeln und Blumen aus der Dose war der Designer in Berlin offenbar besonders fasziniert von den vielen Objekten für Hunde, die er hier entdeckte. So sind nun u.a. ein Rucksack für Dackel und eine Schutzhose für Pudel im Londoner Museum als Berliner Design zu bewundern.

Wieder zu Hause dachte ich, lass’ ich mir hier die Augen öffnen, geh’ ich mit Stattreisen spazieren: auf den Spuren West-Berlins. Die Tour ist ganz neu im Programm und führt einem wieder mal vor Augen, dass Berlins Reiz nicht die Schönheit ist (einen scheußlicheren U-Bahnhof als den am Bundesplatz muss man erst mal finden). Aber interessant, ja, spannend ist die Stadt schon. Und nie hätte ich ohne unseren Reiseleiter den Laden entdeckt, in dem Hilde Knefs Vater Schuhe repariert hat. (Können Sie übrigens haben, steht gerade leer.)

An diesem stürmischen Sonntag liefen West-, Ost- und Neu-Berliner friedlich nebeneinander her und erzählten sich Geschichten: von dem Stacheldraht, den man als West-Berliner in die Hand gedrückt bekam, wenn man trotz des politischen Boykotts die (von der DDR) betriebene S-Bahn benutzte. Vom Heulen des Störsenders, der den RIAS unschädlich machen sollte (U-U-U heulte die Ost-Berlinerin vor). Vieles, was man auf der Tour zu sehen und zu hören bekommt, klingt wie aus einem Märchen, auch wenn es Wirklichkeit war. Gerade Neu-Berlinern sei der Spaziergang ans Herz gelegt. Selbst das Kranzlereck werden sie hinterher mit anderen Augen ansehen.

StattReisen Berlin, www.StattReisenBerlin.de, Telefon 4553028. Die nächste Spurensuche zur „Frontinsel West-Berlin“ findet am 18. April statt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!