Zeitung Heute : Den Zweiten Weltkrieg aufarbeiten

Ljiljana Nikolic

Einige Männer sitzen in einer Gefängniszelle. Es ist nach dem Krieg, dem Zweiten Weltkrieg. Sie sind Gefangene der neuen Machthaber in Polen. In der dunklen, unwirtlichen Zelle erzählen sie sich, was sie in den Kriegwirren erlebt haben. Diese Szene ist Teil eines Theaterstücks, das der Warschauer Germanistikstudent Adam Holda geschrieben hat. An dem Projekt beteiligt sind drei weitere Studenten. Alle studieren derzeit im Rahmen des „Berlin-Stipendiums“ in der deutschen Hauptstadt und arbeiten an verschiedenen Projekten zur Erinnerungskultur.

„Die Geschichte, die ich erzähle, ist die Geschichte meines Großvaters, der Partisan im Krieg war“, sagt Adam Holda. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg spielt in der Familie Holda auch heute eine Rolle, mehrere Angehörige aus der Generation der Großeltern und Urgroßeltern waren betroffen. „Ein Urgroßvater war vor dem Krieg Kommissar der Geheimpolizei, er wurde nach Auschwitz deportiert und starb dort, der andere Urgroßvater starb als Zeuge einer grausamen Szene an Herzversagen“, erzählt Holda. Auch wenn die Erinnerung an all das sehr wach sei – seine Familie sei nicht verbittert und empfinde keinen Hass. Beim Schreiben der Szenen wird der Student auch auf seine Phantasie zurückgreifen müssen, denn der Großvater berichtet auch 60 Jahre nach Kriegsende nur wenig über das Erlebte.

Über das Stipendienprogramm, das die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ fördert, werden Nachkommen von Kriegsopfern ein Jahr lang unterstützt, aber auch Studierende, die sich mit den Themen Nationalsozialismus und Zwangsarbeit bereits intensiv befasst haben. Nach Berlin können Studierende aller Fachrichtungen, insbesondere aus Mittel- und Osteuropa, Israel und den USA kommen. Die individuelle akademische Fortbildung der Stipendiaten an fünf kooperierenden Berliner Hochschulen (neben der Humboldt-Universität die Freie und die Technische Uni, die Universität der Künste und die Fachhochschule für Wirtschaft) wird im Programm verknüpft mit interdisziplinärer Projektarbeit.

Dacia Christin, eine Stipendiatin aus den USA, die bereits einen Master in Germanistik hat, ist aufgrund ihre Auseinandersetzung mit der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts nach Berlin gekommen. „Es ist unmöglich, sich mit Literatur dieser Zeit zu befassen, ohne den Holocaust einzubeziehen“, sagt Christin. Ihre Projektgruppe beschäftigt sich mit der Rezeption des Denkmals für die ermordeten Juden Europas durch Berliner Schulklassen. „Wir haben einen Fragebogen entwickelt“, erklärt die Stipendiatin, „und wollen bei Umfragen an Schulen herausfinden, wie sich die Vorkenntnisse der Schüler und ihr Verhältnis zu diesem Thema auf den Besuch des Denkmals auswirken.“ Eine der Fragen, die sich die Gruppe stellt: „Wie gehen die Schüler mit der Abstraktheit des Denkmals um?“

Die Betreuung durch die Humboldt-Universität sei sehr gut, sagt Dacia Christin. „Bei einem früheren Studienaufenthalt in Deutschland musste ich alle Informationen in mühsamer Eigenrecherche zusammentragen, hier werden wir in allen Fragen unterstützt“, erklärt sie. Die Stiftung will jetzt weiteren Studierenden die Möglichkeit geben, in Berlin zu arbeiten. Für die beiden kommenden Programmjahre 2006/2007 und 2007/2008 und für eine Alumni-Konferenz der ersten fünf Jahrgänge wurden von der Stiftung insgesamt Mittel in der Höhe von 760 000 Euro bewilligt. Damit können wieder jeweils 30 Studierende pro Jahr mit einem „Berlin-Stipendium“ gefördert werden.

Mehr Informationen im Internet:

www.aia.hu-berlin.de/int/evz/index_html

www.fonds-ez.de

www.stiftung-evz.de

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