Zeitung Heute : Denk’ ich an Deutschland

...in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. Der Dichter Heinrich Heine, der vor 150 Jahren starb, war ein Meister der Beleidigung. Seine Schmähungen trafen auch sechs deutsche Städte.

Kerstin Decker

Heinrich Heine ist der erste deutsche (Groß)-Stadt-Dichter. Vorher kamen die Dichter, meist vom Dorf, Weimar inklusive. Der Dichter als urbaner Charakter – das ist neu. Aber es ist gar nicht leicht für Städte, Heine zu gefallen. Der erste deutsche Stadt-Dichter Heinrich Heine ist zugleich der erste große Städte-Beleidiger.

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Am besten hat es Düsseldorf. Allein, dass er in Düsseldorf geboren ist, verleiht der Stadt doch eine gewisse Bedeutsamkeit. Findet Heine:

Ja, Madame, dort bin ich geboren, und ich bemerke dieses ausdrücklich für den Fall, daß etwa, nach meinem Tode, sieben Städte – Schilda, Krähwinkel, Polkwitz, Bockum, Dülken, Göttingen und Schöppenstädt – sich um die Ehre streiten, meine Vaterstadt zu sein. (...) Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt, wird einem wunderlich zumute (...) und es ist mir, als müßte ich gleich nach Hause gehn. Auf dem Marktplatz von Düsseldorf steht – noch heute – die Reiterstatue des Kurfürsten Johann Wilhelm II, die schon Heine sehr nachdenklich stimmt: Als Knabe hörte ich die Sage, der Künstler, der diese Statue gegossen, habe während des Gießens mit Schrecken bemerkt, daß sein Metall nicht dazu ausreiche, und da wären die Bürger der Stadt herbeigelaufen und hätten ihm ihre silbernen Löffel gebracht, um den Guß zu vollenden – und nun stand ich stundenlang vor dem Reiterbilde und zerbrach mir den Kopf, wieviel silberne Löffel wohl darin stecken mögen und wieviel Apfeltörtchen man wohl für all das Silber bekommen könnte. („Ideen. Das Buch Le Grand“)

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Dass Heine etwas gegen Göttingen hat, ist nach obiger Aufzählung bereits zu ahnen. Die Universität von Göttingen ist leichtsinnig genug, den Studenten Harry Heine wegen einer Duellaffäre von der Universität zu relegieren. Das wird er Göttingen nie verzeihen:

Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. (...) Die Stadt selbst ist schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht. Sie muß schon sehr lange stehen; denn ich erinnere mich, als ich vor fünf Jahren dort immatrikuliert und bald darauf konsiliiert wurde, hatte sie schon dasselbe graue, altkluge Aussehen und war schon vollständig eingerichtet mit Schnurren, Pudeln, Dissertationen, Teedansants, Wäscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Guelfenorden, Promotionskutschen, Pfeifenköpfen, Hofräten, Justizräten, Relegationsräten, Profaxen und anderen Faxen. Einige behaupten sogar, die Stadt sei zur Zeit der Völkerwanderung erbaut worden, jeder Stamm habe damals ein ungebundenes Exemplar seiner Mitglieder darin zurückgelassen (...). Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh, welche vier Stände doch nichts weniger als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der bedeutendste. Die Namen aller Studenten und aller ordentlichen und unordentlichen Professoren hier herzuzählen, wäre zu weitläuftig; auch sind mir in diesem Augenblick nicht alle Studentennamen im Gedächtnisse, und unter den Professoren sind manche, die noch gar keinen Namen haben. („Die Harzreise“)

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Schlimmer als Göttingen – und vor allem öfter – trifft es eigentlich nur Hamburg. Mit 18 Jahren kommt Heine in Hamburg an und schreibt seinem Freund in Düsseldorf: Wahr ist es, es ist ein verludertes Kaufmannsnest hier. Huren genug, aber keine Musen. Mancher deutsche Sänger hat sich hier schon die Schwindsucht an den Hals gesungen. (Brief an Christian Sethe vom 6. Juli 1816) Man könnte nun meinen, dass Heine die Hamburger Huren nicht mag. Das ist falsch. Als er ein paar Jahre später nach England fährt, hat er ein einschlägiges Verzeichnis im Gepäck, betitelt: „Harry’s List of Covent Garden Ladies“. Es enthält die Namen von 114 Damen und wird in seinem Nachlass gefunden. Die Liste besitzt aber schon zum Zeitpunkt von Harrys Englandreise 1827 einen nicht unbedenklichen Nachteil in praktischer Hinsicht. Denn sie ist von 1781. Umso gewissenhafter notiert Heine die Namen der noch lebenden Hamburger Huren auf der „Drehbahn“. Da sind Posaunenengel-Hannchen, die Lange Mahle ... Die Hamburger Huren haben Namen, die übrigen Hamburger kriegen keine: Und der Jungfernsteg! Der Schnee lag auf den Dächern, und es schien, als hätten sogar die Häuser gealtert und weiße Haare bekommen. Die Linden des Jungfernstegs waren nur tote Bäume mit dürren Ästen, die sich gespenstisch im kalten Wind bewegten. Der Himmel war schneidend blau und dunkelte hastig. Es war Sonntag, fünf Uhr, die allgemeine Fütterungsstunde, und die Wagen rollten, Herren und Damen stiegen aus mit einem gefrorenen Lächeln auf den Lippen - Entsetzlich! (...) und da ging eine krummfüßige Zwei neben einer fatalen Drei, ihrer schwangeren und vollbusigen Frau Gemahlin; dahinter ging Herr Vier auf Krücken; einherwatschelnd kam eine fatale Fünf, rundbäuchig mit kleinem Köpfchen; dann kam eine wohlbekannte kleine Sechse und eine noch wohlbekanntere böse Sieben – (...) Unter den vorüberrollenden Nullen erkannte ich noch manchen alten Bekannten. („Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski“)

Was hat diese Stadt Heine getan? In Hamburg wohnt Heines Onkel Salomon, der gerade dabei ist, einer der reichsten Männer Europas zu werden und dem Heine wenig später mitteilen wird: „Weißt Du, Onkel, das Beste an Dir ist, daß Du meinen Namen trägst!“, was zu einer dramatischen Unterbrechung der Onkel-Zuwendungen führen wird. Vor allem aber hat Onkel Salomon eine Tochter. Die liebt Harry Heine. Aber Amalie liebt ihren Cousin nicht. Denn es existiert keine Pflicht, mittellose Verwandte zu bemerken, und Hamburg muss das ausbaden. Aber ein Ort ist da in Hamburg, den mag er doch. Es ist nicht die Onkel-Villa in Ottensen: Für Leser, denen die Stadt Hamburg nicht bekannt ist – und es gibt deren vielleicht in China und Oberbayern –, für diese muß ich bemerken, daß der schönste Spaziergang der Söhne und Töchter Hammonias den rechtmäßigen Namen Jungfernsteg führt ... Heine erklärt nun, dass der Jungfernsteg am großen Alsterbassin liegt, und daß vor letzterem, ins Wasser hineingebaut, zwei zeltartige lustige Kaffeehäuslein stehen, die man Pavillons nennt. Besonders vor dem einen, dem sogenannten Schweizerpavillon, läßt sich gut sitzen, (...) und da saß ich gut gar manchen Sommernachmittag und dachte, was ein junger Mensch zu denken pflegt, nämlich gar nichts, und betrachtete, was ein junger Mensch zu betrachten pflegt, nämlich die jungen Mädchen, die vorübergingen. („Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski“)

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Berlin irritiert Heine schwer, als er eines Frühlingsmorgens 1821 dort ankommt. Nichts als tote Häuser und Berliner. Die Preußen laufen sehr komisch, das hatte er schon in Düsseldorf gesehen, aber dass ihre Häuser genau wie ihre Soldaten in Reih und Glied stehen, an schnurgeraden Straßen, damit hatte er nicht gerechnet. Nur einmal, in einer Mondnacht, als ich etwas spät von Lutter und Wegener heimkehrte, sah ich, wie jene harte Stimmung sich in milde Wehmut aufgelöst hatte, wie die Häuser, die einander so feindlich gegenüberstanden, sich gerührt baufällig christlich anblickten und sich versöhnt in die Arme stürzen wollten … Doch schon am nächsten Morgen sieht Heine, wie sie sich wieder prosaisch entgegengähnten. („Reise von München nach Genua“)

Als er in Italien ist, erzählt Heine den Italienern noch viel mehr Wissenswertes über Berelino: Signora wunderte sich nicht wenig, als ich ihr sagte, daß ich selbst lange Zeit in der Capitale della Prussia gelebt habe, nämlich in Berelino, einer Stadt, die ganz oben in der Geographie liegt, unfern vom Eispol. Sie schauderte, als ich ihr die Gefahren schilderte, denen man dort zuweilen ausgesetzt ist, wenn einem die Eisbären auf der Straße begegnen. (...) Viele Bären wohnen in der Stadt selbst, ja man sagt, Berlin verdanke seine Entstehung den Bären und hieße eigentlich Bärlin. (...) Übrigens leben die Berliner sehr mäßig und fleißig, und die meisten sitzen bis am Nabel im Schnee und schreiben Dogmatiken, Erbauungsbücher, Religionsgeschichten (...). („Die Stadt Lucca“)

Überhaupt versammeln sich in Berlin, glaubt Heine, nur Menschen, denen der Ort ganz gleichgültig ist. Nach alldem könnte man denken, dass es Heine da nicht gefallen hat. Das stimmt nicht. Er hat eine gute Zeit in Berlin; er weiß gar nicht, wo er zuerst hingehen soll: zu Rahel Varnagen oder zu „Lutter & Wegner“, in die Universität zum Studieren oder in den Salon der Elise von Hohenhausen. Später wird er seine Anhänglichkeit an die Stadt so formulieren: Ich sehne mich nach einem Lande, das noch nicht entdeckt ist. Manchmal auch nach Berlin.

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Lüneburg ist nicht ganz wie Berlin. Heine merkt das sofort. Er erkennt in der Stadt die Residenz der Langeweile und vermutet einen Kulturableiter auf dem Rathaus. Leider war am Ende des (Onkel-)Geldes noch sehr viel Studium übrig – nicht nur darum musste er weg aus Berlin. Lüneburg ist viel billiger, außerdem wohnen da jetzt seine Eltern. Er lernt in Lüneburg zuerst nur ein paar Straßenbäume kennen: Ich habe hier also nur mit den Bäumen Bekanntschaft gemacht, und diese zeigen sich jetzt wieder in dem alten Schmuck und mahnen mich an alte Tage (…). Heine ist Mitte 20 und der Meinung, dass Lüneburg genau der richtige Ort ist, um seine Memoiren zu schreiben.

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Als Heinrich Heine in München ankommt, geht es ihm gar nicht gut. Er soll Redakteur werden bei Cotta, aber er glaubt nicht, dass er diese Stadt überlebt: Im Ernst, teurer Campe, ich bin sehr krank (…) Wenn ich kränker werde – ich scherze nicht – ordne ich meine Papiere und adressiere sie an Sie für den Fall meines Absterbens. Und stirbt nicht. Als es ihm etwas besser geht, findet er, dass man die Stadt, an der man sterben wird, vorher ruhig einmal gesehen haben sollte. Heine besichtigt München und findet es viel schöner als Berlin: München ist nämlich eine Stadt, gebaut vom Volke selbst, und zwar von aufeinanderfolgenden Generationen, deren Geist noch immer in ihren Bauwerken sichtbar, so daß man dort, wie in der Hexenszene des ,Macbeth’, eine chronologische Geisterreihe erblickt, von dem dunkelrohen Geiste des Mittelalters, der geharnischt aus gotischen Kirchenpforten hervortritt, bis auf den gebildet lichten Geist unserer Zeit (...) In dieser Reihenfolge liegt eben das Versöhnende (...) Wir sind ernst, aber nicht unmutig bei dem Anblick jenes barbarischen Doms, der sich noch immer, in stiefelknechtlicher Gestalt, über die ganze Stadt erhebt und die Schatten und Gespenster des Mittelalters in seinem Schoße verbirgt. („Reise von München nach Genua“) König Ludwig ist gerade dabei, München zur heimlichen Hauptstadt Deutschlands zu machen, zum Isar-Athen. Es kommt dabei einem anderen deutschen Athen mit Kleinstfluss in die Quere, weshalb Heine in einem Münchner Biergarten einen echten Charlottenburger auftreten lässt: „Des“, rief er ziemlich laut, „gibt es nur in Berlin. Da nur ist Witz und Ironie. Hier gibt es gutes Weißbier, aber wahrhaftig keine Ironie.“ Worauf die Kellnerin Nannerl die Ironie für ein Bier hält. Worauf Heine sie belehrt: „Schönes Nannerl, die Ironie is ka Bier, sondern eine Erfindung der Berliner, der klügsten Leute von der Welt, die sich sehr ärgerten, daß sie zu spät auf die Welt gekommen sind, um das Pulver erfinden zu können (...).“ („Reise von München nach Genua“) Heine zieht um in ein Gartenzimmer im Rechbergschen Palais auf der Hundskugel und sieht immer öfter in der Ferne auf einer Alpe den Frühlingsgott sitzen. Der lockt ihn nach Italien.

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Etwas später verlässt Heine Deutschland für immer, er wirft dem alten Vater Rhein seine Visitenkarte ins Wasser und erreicht Mitte Mai 1831 die Triumphpforte des Boulevards Saint Denis, die ursprünglich zu Ehren Ludwigs XIV. errichtet worden, jetzt aber zur Verherrlichung meines Einzugs in Paris diente. Die Menschen sind dort so geschmackvoll gekleidet, als wären sie aus einem Modejournal entlaufen. Und sie sprechen alle französisch. Das imponiert ihm sehr. Er kehrt nur noch zweimal nach Deutschland zurück, ein „Wintermärchen“ lang.

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