Zeitung Heute : Denkfabrik Berlin: Ohne Weitsicht werden Chancen vertan

MANFRED ERHARDT

Am Fuße des Leuchtturms ist es dunkel: Außerhalb Berlins werden die herausragenden Köpfe, die die Berliner Wissenschaft prägen, viel stärker wahrgenommen als in der Stadt selbst.Dabei hat sich der Wissenschaftsrat nur ihretwegen locken lassen, die schwierige, aber auch reizvolle Aufgabe zu übernehmen, die Berliner Universitäten konzeptionell miteinander zu verknüpfen.Auf sich selbst gestellt, hätten weder die Hochschulen noch die Politiker die dazu notwendige Kraft aufgebracht.

Was aber wird der Wissenschaftsrat noch in diesem Jahr der Berliner Hochschulpolitik vermutlich ins Stammbuch schreiben? Welches werden seine "Benchmarks" für Zukunftsfähigkeit der Wissenschaftsmetropole Berlin sein?

1.Orientieren wird sich der Wissenschaftsrat an den Strukturplänen der Universitäten und diese vergleichen mit den Vorschlägen der sogennanten "Mittelstraß-Kommission" aus dem Jahre 1992 sowie den Zielvorstellungen des von der Politik zu verantwortenden "Berliner Hochschulstrukturplans 1993".Dieser Plan war wegen des Abbaus von Studienplätzen an den großen Universitäten im Westteil der Stadt seinerzeit auf heftige Kritik gestoßen war.Dabei ging es um die Garantie der heute geradezu großzügig erscheinenden Zielzahl von 100 000 Studienplätzen.

Daß frühere Strukturvorschläge nicht umgesetzt werden konnten, ist eine Folge der "Verhinderungsstärke" der Universitäten und der Durchsetzungsschwäche des Berliner Senates.Über rechtliche oder tatsächliche Instrumente der Steuerung - wie in anderen Ländern - verfügt die Berliner Regierung nicht.Der Versuch einer Selbstkoordination der Hochschulen ist in der Vergangenheit gescheitert.Und im Parlament genoß die Profilierung der Fraktionen Vorrang vor der Profilierung der Hochschullandschaft.

Da im Stadtstaat Berlin das Abgeordnetenhaus die Kompetenz-Kompetenz auch in der Exekutive beansprucht, wirkt der Wissenschaftssenator wie ein "Ritter ohne Schwert".Er kann zum Beispiel ohne die Mitwirkung der Hochschulen weder Studiengänge ins Leben rufen, verlagern oder einstellen.Der Wissenschaftsrat ist daher gut beraten, wenn er die Frage nach dem politischen Durchsetzungswillen und der rechtlichen Durchsetzbarkeit seiner Empfehlungen stellt.

2.Der Brandenburger und der Berliner Nabelschau dürfte der Wissenschaftsrat eine Absage erteilen.Seine Empfehlungen werden eher darauf zielen, eine nach Größe, Fächern und Schwerpunkten ausgewogene und vernetzte Berliner Hochschullandschaft aus einer Gesamtschau der Potentiale der Region zu entwickeln.

Die Strukturempfehlungen lassen sich nicht bloß in einem politischen und juristischen Akt umsetzen, sondern es geht um einen kontinuierlichen Prozeß: Studiengänge und Institute sind zu schließen oder zusammenzulegen und Ressourcen zu verlagern.Daher sollte der Wissenschaftsrat auf die Einrichtung einer Kommission Wert legen, die diesen Prozeß begleitet.Diese Kommission braucht Vollmachten und sie muß hochrangig besetzt werden.

Was muß innerhalb Berlins geschehen? Hier könnte ein Universitätsrat zur Koordination hilfreich sein.Dieser Rat war schon zu Beginn der 90er Jahre von dem Schweizer Staatssekretär Professor Ursprung erdacht worden, als er die Berliner Situation analysiert hatte.Die Mittelstraß-Kommission hat diesen Vorschlag aufgegriffen, aber politisch umgesetzt wurde diese Idee nicht.Würde der Rat jetzt ins Leben gerufen, hätten alle Beteiligten - Abgeordnetenhaus, Senat, Hochschulen - gewisse Rechte an ihn abzutreten.Dafür könnten die Hochschulkuratorien früherer Prägung wegen erwiesener Insuffizienz aufgelöst werden.Dadurch würde die Hochschulautonomie gestärkt.

3.Mit der alten und der neuen Rolle Berlins als Wissenschaftsmetropole ist untrennbar die Notwendigkeit verbunden, mehr Studienplätze vorzuhalten als dem Bevölkerungs- oder Abiturientenanteil in der Region entspricht.Schon gegenwärtig stammt mehr als die Hälfte der Studierenden aus anderen Bundesländern oder dem Ausland.Und in den höheren Rängen der Wissenschaft ist deren Anteil noch viel größer, weil Abkunft und Landeskinderstatus keine Kriterien der Wissenschaft sind.

Der Wissenschaftsrat sollte deshalb die - von der Finanzpolitik diktierte - Zielzahl von nur 85000 Studienplätzen hinterfragen.Bei derzeit 135000 Studierenden in Berlin stellen 85000 Studienplätze eine für die Wissenschaftsmetropole und Hauptstadt kaum hinnehmbare Untergrenze dar.Eine Untergrenze auch deshalb, weil die einseitige Orientierung an der Zahl der Studienplätze die Forschung und Nachwuchsförderung an den Hochschulen zu einer reinen Funktion der Kapazität degradiert.

4.Berlin hat neben seinen renommierten Universitäten acht leistungsfähige Fachhochschulen und drei angesehene Kunsthochschulen.Seit fünf Jahren gibt es auch eine Berufsakademie, deren Entwicklung durch Ideologie (kein Beamtenstatus für Professoren) und fiskalische Engstirnigkeit (Zurückweisung betrieblicher Ausbildungsplätze) gebremst wird.Der Anteil nichtuniversitärer Studienplätze beträgt ca.25 Prozent in der Stadt.Damit liegt Berlin unter dem Bundesdurchschnitt.

Der Wissenschaftsrat kann seine Empfehlungen daher nicht nur auf den Universitätsbereich begrenzen, sondern dürfte seine Forderung wiederholen, mindestens 40 Prozent der Studienplätze bei Fachhochschulen und Berufsakademien anzusiedeln.Er sollte sich nicht scheuen, notfalls eine Umschichtung von Kapazitäten zu verlangen.

5.Die Sparauflagen summieren sich bis zum Jahre 2003 auf rund eine Milliarde DM.Damit verbunden ist ein dramatischer Stellenabbau.Um die jährlichen Kürzungsbeträge zu erwirtschaften, sind auch umfangreiche Stellenbesetzungssperren notwendig - sie treffen vor allem den wissenschaftlichen Nachwuchs.Damit besteht die akute Gefahr, daß auch die Modernisierung bestehender und die Einrichtung neuer Studiengänge zum Erliegen kommt, weil die ausbleibende personelle Erneuerung Folgen hat.

6.Die Universitäten sind aufgefordert, sich vom Leitbild der universitas litterarum zu verabschieden.Sie könen nicht mehr alle denkbaren Fächer anbieten und müssen zielgerichtet eigene Profile bilden.Wenn es um Schwerpunkte geht, sind die guten Fächer und Fachbereiche zu stärken, die schwachen gärtnerisch zurückschneiden.Das dann jeweils Fehlende muß durch institutionenübergreifende Forschungs- und Lehrverbünde zwischen den Hochschulen und den außeruniversitären Forschungseinrichtungen ergänzt werden.Das setzt eine Stärke- und Schwäche-Analyse der Fächer voraus.

Dabei wäre es völlig falsch, sich von der Devise leiten zu lassen, jedes Fach dürfe nur ein- oder zweimal in Berlin vertreten sein.Die Fächer und ihre Kombinationen müssen vielmehr für jede einzelne Universität sowie das Universitätssystem insgesamt ein sinnvolles Ganzes ergeben.Und durch Fächerangebote muß Vorsorge getroffen werden, daß sowohl Konkurrenz bleibt als auch Kooperation entsteht, weil nur beides zusammen leistungssteigernd wirkt.

7.In der Forschung liegen die Stärken Berlins in den Bereichen Biotechnologie und Lebenswissenschaften, Informations- und Kommunikationstechnik, Verkehrstechnik und Verkehrswirtschaft, Materialwissenschaften, Produktions- und Fertigungstechnologien sowie Umwelt.Für diese und weitere Felder sollten Centers of excellence gebildet werden.In diesen Centers müssen Universitäten, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und forschungsaktive Wirtschaftsunternehmen zusammenarbeiten.

8.Der Forschung in Berlin fehlt weithin das industrielle Widerlager.Umso mehr ist es geboten, den Technologiepark Adlershof und den Forschungscampus Berlin-Buch durch Ansiedlung von High-tech-Betrieben und Forschungsinstituten zu stärken und die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft durch geeignete Programme zu unterstützen.Das städtische Klinikum Buch muß viel stärker auf die herausragenden und zukunftsträchtigen Forschungspotentiale des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin ausgerichtet, ja ihm dienlich gemacht werden.Die Umzugsgeschwindigkeit der Naturwissenschaften der Humboldt-Universität nach Adlershof ist zu erhöhen.Dies setzt entsprechende Prioritäten und Mittel beim Hochschulbau voraus.Die fiskalische Gängelung der WISTA-Management GmbH in Adlershof und die Eifersüchteleien seitens der Berlin Adlershofer Aufbau Gesellschaft (BAAG) sollten der Vergangenheit angehören.Die Wirtschaftsvertreter im Aufsichtsrat der WISTA sind unentbehrlich.Sie in einen Beirat zu verbannen, um sich mit der Bestellung von Staatssekretären ein "gefügigeres" Aufsichtsorgan zu schaffen, wäre der verkehrte Weg.

9.Der Wissenschaftsrat sollte die Politiker auffordern, Instrumente einzusetzen, die der Weiterentwicklung und Verbünden in der Forschung dienen.Dafür wäre ein Innovationsfonds nützlich.Der Erneuerung in der Lehre könnte ein Studienstrukturfonds dienen.Die Mittel aus diesen zentralen Töpfen sind durch ein Expertengremium im Wettbewerb zu vergeben.Auch die Zuweisung der Mittel für die Hochschulen und ihre Fachbereiche sollte anhand von Qualitätsparametern, Leistungskennziffern (Erfolgsquoten) und Belastungsindikatoren erfolgen.

10.Bildung und Forschung beanspruchen ihrer Natur nach Zeit und erfordern ein planmäßiges Vorgehen.Sollen Bildung und Wissenschaft erfolgreich sein, sind dafür beste personelle und ausreichende finanzielle Ressourcen erforderlich.Es ist deshalb unabdingbar, den Hochschulen eine finanzielle Planungssicherheit zu gewährleisten.Und dies für längere Zeiträume.Diese Bringschuld der Politik sollte durch den Abschluß von längerfristigen Hochschulverträgen und mittelfristigen Zielvereinbarungen gesichert werden.

11.Der Abschied von der Fiktion der Gleichheit aller Hochschulen, die Entlassung der Hochschulen aus der Kuratel des Staates verlangen Entscheidungs- und Leitungsstrukturen, bei denen das herrschende und lähmende Gruppen- und Kollegialprinzip zurückgedrängt wird.Hochschulen brauchen starke Präsidenten und Dekane.Vor allem in den "äußeren Angelegenheiten" der Wirtschafts-, Finanz- und Personalverwaltung muß die Zuständigkeit der Senate und Fachbereichsräte auf Beratungs- und Kontrollbefugnisse ausgerichtet werden.Dies wird umso eher gelingen, je geringer die Politisierung der Hochschulgremien ausfällt und damit die Erfüllung der akademischen Kernaufgaben wieder in den Mittelpunkt rückt.

Mit dem "Berliner Manifest für eine neue Hochschulpolitik" vom Dezember 1998 haben die Berliner Universitäten gegenüber dem Bundespräsidenten bewiesen, daß sie mutige Konzepte für eine innovative Gestaltung der Universitäten erarbeiten können und umsetzen wollen.

Nicht zuletzt sind die Politiker herausgefordert: Ihre Führungskunst besteht darin, die Haushalte so zu konsolidieren, daß Leistungsfähigkeit und Attraktivität der Wissenschaftsmetropole Berlin nicht geschmälert, sondern gesteigert werden.

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