Zeitung Heute : Denkmäler entdecken

Brigitte Grunert

Wie eine Rentnerin die Stadt erleben kann

Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte... Keiner hat es so schön gesagt wie Eduard Mörike. Alles zieht es nun in den Tiergarten. Und ganz Berlin scheint sich zur Kaffeepause am Neuen See verabredet zu haben, so dass man dort vor lauter Gewimmel das blaue Band nicht flattern sieht. Der Herr Pensionär und die Frau Rentnerin genießen also die Natur pur. Das heißt, unsereiner spaziert gemächlich die Wege entlang. Junge Leute liegen mit einem Buch in der Sonne. Kleine Kinder krähen vergnügt, wenn sie durch den Zaun in den Zoo gucken und Tiere entdecken.

Plötzlich, gleich neben der Lichtensteinbrücke am Landwehrkanal hörbares Staunen. „Ach hier war dis! Hier hamse Rosachen ins Wasser jeschmissen!“ Das Echo tönt ebenso vernehmlich: „Ja, und ’n bisschen weiter weg hamse den Liebknecht abjeknallt. War ’ne Sauerei.“

Sehnse, das ist Berlin. Immer laut, immer ungeniert, immer ironisch, immer mit Gefühl. In diesem Fall hören sich die Kommentare nicht nach Verehrung für die revolutionären Mitbegründer der KPD an, aber nach Sinn für Gerechtigkeit. Schließlich war die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 durch Offiziere und Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützendivision ungeheuerlich. Man kann das alles sehr klar auf den Gedenktafeln des zweiteiligen Mahnmals lesen, das die Architekten Ralf Schüler und Ursulina Witte, Erbauer des ICC wie auch der Lichtensteinbrücke, 1987 gestiftet haben. Und wer hat die Namen der Mordopfer in eindrucksvolle Lettern gegossen? „VEB Lauchhammer 1987“, lesen wir am zweiten Teil des Mahnmals am Neuen See, dort, wo Karl Liebknecht erschossen wurde.

Da ist sie auch in der Frühlingsidylle wieder, die Frage, wozu Berlin ein weiteres Rosa-Luxemburg-Denkmal auf dem gleichnamigen Platz in Mitte braucht. Es sei denn, der Senat will die Sehnsucht der PDS und anderer nach der blauen Blume sozialistischer Romantik stillen. Die blüht gewiss nicht im Tiergarten. Dafür will der Kultursenator den Platz vor der Volksbühne mit Bändern von Luxemburg-Zitaten pflastern lassen. Thomas Flierl jedenfalls wird sich etwas dabei denken.

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