Zeitung Heute : Denkst du an mich?

Jana Simon

Der Tag, an dem das Glück Renate Jankas Familie verließ, begann gewöhnlich. Es war der 2. Dezember 1989, sie saß auf dem Teppich ihres Wohnzimmers in der Schweiz, Kaminfeuer brannte und sie legte Parfum, Krawatten und Spielsachen in kleine Kartons - Weihnachtgeschenke für ihre Töchter und Enkel in Amerika. Dieses Bild hat Renate Janka über die Jahre behalten. Es ist das letzte Bild einer Idylle, in der alles noch zusammenzupassen scheint, eine Erinnerung an die Zeit, bevor ihr Leben zusammenfiel.

An jenem Morgen klingelte das Telefon, am anderen Ende schrie ihre jüngere Tochter Sandy in den Hörer, Christopher sei verschwunden. Christopher, der vierjährige Sohn der älteren Tochter Debbie. Renate Janka war beunruhigt, aber nicht hysterisch. "Es passiert doch immer mal, dass ein Kind wegläuft", sagt sie. Renate Janka ahnte nicht, dass schon am nächsten Tag ihr Enkelsohn ermordet aufgefunden und Debbie als Kindsmörderin verhaftet werden würde. Und, dass sie am Ende dieser Geschichte ihre beiden Töchter verloren haben wird.

Mai 2002. Renate Janka sitzt an einem runden Tisch im Haus eines Freundes in Berlin. Sie hält ein Saftglas fest umschlossen und wird es das ganze Gespräch über nur dann frei geben, wenn sie raucht. Sie hat schulterlange braune Haare, dieses Jahr wird Renate Janka sechzig. Sie sieht ihr Gegenüber selten an, meist schaut sie Richtung Fenster, den Blick unbestimmt ins Innere gerichtet. Wenn sie erzählt, wählt sie ihre Worte mit Vorsicht und spricht sehr langsam. Sie bewegt sich kaum, selten hebt sie die Arme zu einer Geste. Es wirkt, als habe eine große Mattheit sie niedergedrückt und gestatte ihr nur ab und zu eine erschöpfte Regung.

Wenn man Renate Janka nach Ereignissen aus der Zeit vor der Katastrophe fragt, sieht sie einen etwas ungläubig von der Seite an. Es sind Dinge aus einem anderen Leben, sie kann sich kaum erinnern. Sie weiß noch, wie sie in Berlin-Tempelhof zur Schule ging, dass ihre Eltern streng und nicht begeistert waren, als sie einen Amerikaner kennen lernte und mit 21 Jahren schwanger wurde - unvermählt. Renate Janka heiratete und folgte ihrem Mann kurz nach der Geburt ihrer ersten Tochter Debbie in die USA. Es war eine schwierige Ehe, der Mann trank und in einem Augenblick bewunderte er sie für ihre Fremdsprachenkenntnisse, im nächsten redete er abfällig über sie. Renate Janka trennte sich später von ihm.

Als Mutter überfordert

Damals, an jenem denkwürdigen 3. Dezember 1989 war Debbies Vater der erste, der seine Tochter aufgab. Er rief seine ehemalige Frau an und sagte: "Deine Tochter hat gestanden. Sie hat Christopher umbringen lassen". Debbie war jetzt nur noch das Kind der Mutter. Vor Gericht wiederholte er: "Sie muss hart bestraft werden". Fragen stellte er keine, dass Debbie unschuldig sein könnte, kam ihm anscheinend nicht in den Sinn. Genauso wenig wie der Schwester und der Mutter - zuerst.

Was geschah 1989? Genau weiß das bis heute niemand. Janka hat Jahre damit verbracht, es herauszufinden, sie hat Privatdetektive und Anwälte engagiert. Sicher ist, dass der Untermieter von Debbie und dessen Freund ihren Sohn Christopher mit zu einem Einkaufszentrum nehmen wollten, damit er dort den Weihnachtsmann sehen könnte. Stattdessen fuhren die beiden Männer mit Christopher in die Wüste und brachten ihn um. Warum sie es getan haben, weiß niemand. Beide sind psychisch krank. Einer der beiden Täter sagte später zur Polizei, Christophers Mutter Debbie habe den Mordauftrag gegeben, sie habe sich als Mutter überfordert gefühlt.

Daraufhin vernahm Polizeikommissar Armando Saldate Debbie und sagte später, sie habe den Mordauftrag gestanden. Bei dem Verhör waren sie zu zweit, Saldate hatte kein Tonband dabei und warf seine Notizen später weg. Erst drei Tage danach fertigte er ein Gedächtnisprotokoll an, das Debbie nie gesehen und auch nie unterschrieben hat. Aus Debbie, der Mutter, deren Kind verschwunden war, wurde innerhalb weniger Tage Debbie das Monster, die Bestie, die ihr eigenes Kind hatte umbringen lassen. Es durfte keine Zweifel mehr geben. Vor Gericht wurden Zeugen, die zu Gunsten Debbies aussagen wollten, nicht zugelassen. Auch der Täter, der sagte, Debbie habe mit der ganzen Sache nichts zu tun, wurde nicht mehr gehört. Sie wurde 1991 zum Tode verurteilt.

Seit elf Jahren sitzt Renate Jankas Tochter jetzt in einer Zelle in Arizona und wartet auf ihre Hinrichtung. Die ersten zwei Jahre meldete sich auch die Mutter nicht bei ihrer inhaftierten Tochter. Ein Verhalten, das Renate Janka im Nachhinein schwer fällt, von sich selbst zu glauben. "Ich denke, ich habe mich nicht getraut", sagt sie. Auch sie war damals von der Schuld ihrer Tochter überzeugt. Es gab niemanden, der etwas anderes erzählt hat. Trotzdem hätte sie ihr wohl schreiben können. Renate Janka bleibt still, sieht aus dem Fenster, dafür gibt es keine Erklärungen. Schließlich kam ein Brief von Debbie, in dem sie ihre Unschuld beschwor und fragte, warum ihre Mutter sie aufgegeben habe.

Mutter und Tochter begannen wieder miteinander zu reden - über Briefe. Renate Janka ist dann zu ihr gefahren und hat Debbie im Gefängnis besucht. "Unsere Beziehung ist heute viel enger als früher", sagt sie. Es gibt keine Minute mehr, wo die Tochter in den Gedanken der Mutter nicht "präsent ist", wie sie es ausdrückt. Debbie schaut ihr beim Unkraut jäten zu, beobachtet sie beim Kochen und besucht sie nachts. In ihren Träumen ist sie manchmal die Tochter und sitzt an ihrer Stelle in der Todeszelle. Egal was Renate Janka macht, Debbie bleibt immer im Hintergrund. Die Mutter fühlt sich in die Tochter hinein bis hin zur Auflösung jeglicher Grenzen zwischen ihnen. Seit Renate Janka ihre Arbeit als Bankangestellte aufgegeben hat, um sich noch mehr um Debbie kümmern zu können, ist auch die letzte Ablenkung verschwunden. Sie kämpft jetzt um ihre Tochter, hauptberuflich.

Manchmal sagt Renate Janka Sätze wie: "Ich habe schöne Zeiten gehabt". Es klingt, als habe sie ihr Leben bereits abgeschlossen. Auf ihrem Haus in der Schweiz lastet eine Hypothek, sie und ihr Mann können es sich nicht mehr leisten zu vereisen. Ihre Pensionen haben diverse Anwälte verbraucht. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum Renate Janka sich entschlossen hat, ihre Geschichte aufzuschreiben. Sie muss den neuen Anwalt bezahlen. Ihre Biografie "Lasst meine Tochter endlich frei" ist jetzt bei Droemer erschienen. Es ist ein hartes Buch geworden, ein Buch über Sprachlosigkeit in der Familie, komplizierte Geschwister- und Mutter-Töchter-Verhältnisse. Besonders hart ist es aber für Jankas zweite Tochter, Sandy, die anscheinend nie das sonnige Kind war wie ihre Schwester. Die Akne hatte, während Debbies Haut pickelfrei strahlte. Die brünett ist und nicht blond. Und die immer um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter rang und schließlich begann, sie zu beklauen. Mit 16 schickte Renate Janka sie weg zu ihrem Vater. "Sie war nicht mehr zu managen", sagt sie. Dass ihre Tochter das als Abschiebung und Zurückweisung auffassen musste, hat sie erst später begriffen. Vielleicht war sie auch einfach überfordert. Als ihre Töchter 17 und 19 waren, ging Renate Janka zurück nach Europa, weil sie ein Jobangebot hatte und dachte, so besser für sie sorgen zu können. Wahrscheinlich haben Debbie und Sandy das Verschwinden ihrer Mutter nicht gut vertragen. "Ich habe ewig Schuldgefühle gehabt", sagt Renate Janka.

Seit ein paar Jahren hat sie keinen Kontakt mehr zu Sandy und deren Kindern, ihren Enkeln. Auch weil sie gegen ihre Schwester Debbie ausgesagt hat: "Sie hat die Todesstrafe verdient." Sandy ist bis heute nicht bereit, dies zurückzunehmen. Woher der Hass rührt, ist nicht klar. Renate Janka erklärt es mit einem Minderwertigkeitskomplex und Neid auf die ältere Schwester.

Trockenübung für den Tod

Ihre Tochter Debbie hat sie vergangenes Jahr im Mai zum letzten Mal im Gefängnis besucht. Danach kommt immer der Absturz in die Depression. Mit Debbie durch eine Glaswand hindurch zu sprechen und sie danach wieder zu verlassen, ist fast schlimmer, als sie nicht zu sehen, sagt sie. Ihre Tochter ist jetzt Ende 30, die Haare sind ergraut nach einer Art "Trockenübung", die sie für die eigene Hinrichtung proben musste. Bis jetzt haben alle Bemühungen der Mutter, die Appelle, Petitionen und Berufungen nichts bewirkt. Jetzt hofft sie auf die Berufung beim Bundesrichter. "Danach müsste", sie traut sich kaum weiter zu reden, "Debbie auf Kaution frei kommen." Es fällt Renate Janka schwer, sich vorzustellen, wie der erste Tag in Freiheit mit ihrer Tochter sein könnte. Sie sagt, Debbie brauche bestimmt "Rehabilitation im psychischen Bereich". Es klingt, als könne sie sich nicht viel darunter vorstellen. Wie soll man elf Jahre Todeszelle oder länger weg therapieren? Sie umklammert wieder ihr Glas. Debbie würde gern nach Australien, nach Hawaii, überall hin. Schon jetzt, in Haft, bestellt sie über ihre Mutter und Katalog Dinge für ihr zukünftiges Leben - Socken ganze Kisten voll, Kleiderbügel mit Satinbezug, Haarspangen, Wintersachen. Sie warten in einem Lager in Arizona auf ihre Freilassung.

Renate Janka muss lächeln, wenn sie das erzählt. Es ist ein seltener Anblick, die Augen bleiben unberührt, nur ihre Mundwinkel zucken kurz nach oben. Sie sagt, es falle ihr an manchen Tagen schwer, überhaupt aufzustehen, meistens schafft sie es doch. Dann setzt sie sich an den Computer, klickt die Homepage ihrer Tochter an, die sie eingerichtet hat und schreibt E-mails bis zu 300 Stück am Tag. Zwischendurch kocht sie und putzt ihr Haus. Sie geht nicht mehr aus und auch Freunde trifft sie nur noch selten. Sie kann kaum abschalten. Wenn man sie fragt, wie sie den Muttertag verbringt, schaut sie einen an, stumm. "Allein", sagt sie nach einer Weile. Ohne Töchter. Früher, als sie noch in den USA wohnte, hätten sie diesen Tag zelebriert, sagt sie, einmal hätten sie zusammen ein Boot ausgeliehen und ein Picknick gemacht.

Sie weiß nicht, ob jemals wieder ein Gespräch oder ein Treffen zu dritt möglich sein wird. Nach all dem, was geschehen ist. Geht das überhaupt? Wenn die eine Tochter frei kommen sollte, muss sich Renate Janka danach wohl um die andere kümmern. Wenn sie dann noch kann.

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