Zeitung Heute : Denn sie wissen nicht, was sie tun

ROLF DEGEN

Könnte es möglich sein, daß diese Welt von Zombies bevölkert wird, deren Verhalten durch nichts von dem der Lebenden zu unterscheiden ist?" Was auf den ersten Blick wie ein Rückfall in die finsterste Metaphysik wirken mag, ist in Wirklichkeit ein hintergründiges Gedankenspiel, das zur Grundsatzfrage der Gehirnforschung im neuen Millennium werden kann. Die Rede ist natürlich nicht von den untoten Gestalten aus den einschlägigen Gruselschockern, die nach ihrer Wiedererweckung seelenlos durch die Landschaft taumeln. Der "philosophische Zombie" ist vielmehr ein theoretisches Konstrukt, das der Philosoph David Chalmers von der University of California in Santa Cruz ersonnen hat, um das Credo der materialistischen Bewußtseinsforschung ad absurdum zu führen.Angenommen, unser Verhalten ließe sich tatsächlich restlos auf das Wirken von neuronalen Prozessen reduzieren, argumentiert der neue Shooting Star der Neurophilosophie, dann bliebe für das Bewußtsein weder Platz noch Aufgabe. Es hätte dann keinen Sinn, daß wir bestimmte Hirnzustände mit Gefühlen, Erlebnissen oder gar der Empfindung "Ich" verbinden. Die Evolution würde sich gar nicht erst die Mühe gemacht haben, den überflüssigen Luxus des Bewußtseins zu erschaffen, wenn sie die gleiche Verhaltensvielfalt auch mit seelenlosen neuronalen Entladungen erzielen kann. Auf die Spitze getrieben bedeutete dieser Gedanke, daß unser ganzes Dasein ebenso gut vollständig unbewußt ablaufen kann.Und ein derart "seelenloser" Mensch ohne innere Erlebnisse - ein "Zombie" - wäre von außen nicht von einem Individuum mit Bewußtsein zu unterscheiden. Dann könnte man sich sogar eine Parallelwelt der Zombies vorstellen, die physikalisch völlig mit unserer identisch ist. Nur daß den Hirnen ihrer Bewohner das "gewisse Etwas" fehlt. Sie vollführen die gleichen Handlungen, sprechen die gleichen Sätze, ihr Gesicht verrät die gleichen Gefühlsregungen, aber auf der Bühne ihres Geistes geht das Licht nie an.Dieses Gedankenexperiment ist äußerst beunruhigend und fast unlösbar vertrackt. Denn einerseits sind zumindest die meisten Naturwissenschaftler überzeugt, daß materielle Vorgänge zur Erklärung unseres Erlebens und Verhaltens ausreichen. An der Schwelle zum neuen Jahrtausend ist unübersehbar, daß die Reduktion des Geistigen auf Nervenentladungen und Algorithmen dramatische Fortschritte macht. Die Neurowissenschaften kommen den Schaltkreisen des Denkens mit ihren neuen bildgebenden Verfahren immer genauer auf die Spur. Selbst der heimische PC vollbringt in diesen Tagen bereits Glanzleistungen wie Spracherkennung oder Textübersetzung, die in unseren Köpfen immer an die Gegenwart von Bewußtsein gekoppelt sind.Andererseits rebelliert schon der Alltagsverstand gegen die Vorstellung, daß unser Bewußtsein für die Deutung unseres Lebens unerheblich sei, daß wir ebenso gut unbewußt existieren könnten. Das Gebot "Liebe deinen Nächsten" wäre doch sinnlos, wenn der Nächste nichts empfinden kann. Vor allen Dingen gerät der philosophische Zombie mit unserem tief verwurzelten Glauben an die Willensfreiheit in Konflikt, hebt der Psychologe Stevan Harnard von der University of South Hampton in England hervor. "Der Hauptgrund, warum wir so sehr an einer Funktion des Bewußtseins festhalten, hat mit unserer intuitiven Erfahrung des freien Willens zu tun. Wir sind davon überzeugt, daß dann, wenn wir etwas bewußt tun, wir es tun, weil wir uns dafür entschieden haben, nicht, weil wir durch unbewußte Prozesse dazu getrieben wurden."Das Zombie-Problem ist auch logisch zum Verrücktwerden, meint der Bremer Neurobiologe Hans Flohr. "Stellen wir uns einmal vor, so ein Zombie hat Zahnschmerzen. Daraus, daß er seiner nicht bewußt ist, folgt: Er spürt die Schmerzen nicht. Und daraus, daß sein Geistesleben zwar unbewußt, aber ansonsten mit unserem identisch ist, folgt: Er muß überzeugt sein, den Schmerz zu spüren." Die paradoxe Pointe: Ein Zombie ohne Bewußtsein würde sich selbst für ein bewußtes Wesen halten.Ein Zombie, die subtilsten Reaktionen und die gesamte Komplexität des menschlichen Verhaltens zeigt, muß im Endeffekt auch Bewußtsein haben, sagen die einen. Vielleicht kriegt ein Siliziumchip das alles auch ohne "Innenleben" hin, wenden die andern ein. Wenn das stimmt, bleibt nur noch die Frage, ob er unter "Windows" oder unter "Linux" laufen wird.

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