Zeitung Heute : Depressionen ergründen

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

Ich hänge vorm Fernseher, deprimiert (ohne dass ich wüsste, warum), gucke irgendwas, es regnet. Da klingelt das Telefon und Mutti ist dran. „War das eine Woche!“ stöhnt sie ein bisschen theatralisch und erzählt, dass sie mit dem Kegelverein einen Ausflug gemacht hat (ein köstlicher Spaß), beim Kegeln alle weggekegelt hat (deine alte Mutter, Kind!), auf das vorstädtisch gelegene Haus meiner verreisten Schwester aufgepasst hat (schön, da draußen!) und dabei deren Kinder verwöhnte (die Süßen!). Dass sie alles aufräumte und dabei wertvollen Schmuck wiederfand (man muss doch nur mal gründlich gucken!), den Garten (ein prachtvolles Grundstück!) hegte, den Keller trockenlegte, den Wellensittich dressierte, den tollsten Kuchen des Universums buk, Weltfrieden stiftete und so weiter und so fort. Mir wurde schwindelig, da sagt sie: „Und, Kind, was hast du so gemacht?“

Ich schaue auf die von der Miniermotte zerfressene Kastanie im Hinterhof und denke nach.

Vergangenen Mittwoch hatte ich nichts vor und habe fern gesehen.

Am Donnerstag habe ich auch fern gesehen, aber diesmal, weil ich versetzt worden war.

Am Freitag habe ich einen Krankenbesuch gemacht, bei einer frisch Operierten, die nicht lachen durfte. Deshalb haben wir viel über den Irak, die Haushaltsmisere und den gescheiterten Solidarpakt für den öffentlichen Dienst gesprochen.

Am Sonnabend war ich im Kino, bestimmt ein schöner Film, aber ich saß hinter einer Frau mit Turmfrisur, danach ging ich in eine schäbige Bar an der Torstraße, trank zwei labbrige Wodka-Lemon und wurde auf dem Heimweg im Auto geblitzt.

Am Sonntag war ich eine Kleinigkeit essen. Eine Kürbiscremesuppe. Die war zwar lecker, aber nur ein Pfützchen, also war mein Appetit gerade richtig geweckt, als ich mir den letzten Löffel in den Mund schob. Ich bestellte Spätzle hinterher und war dann so satt, dass ich schlecht geschlafen habe.

Am Montag verlor ich beim Tischtennisspielen im SEZ an der Landsberger Allee. Das wird im Dezember geschlossen.

Am Dienstag dann wurde ich zum Ausgehen eingeladen. Ein Freund sagte, dass er mit mir den Preis verjubeln wolle, den er für seine journalistische Arbeit gewonnen habe. 25 Euro. Immerhin. Wir hatten zwei Mal Nudeln und zwei Mal Bier. Am Nachbartisch saß eine Gruppe junger Damen aus Süddeutschland, die ganz viel und ganz laut lachten, unter anderem über den Kauf eines Fernsehers, der soooo groß war, wie eine der Damen mit beiden Armen demonstrierte. Als ich sie genervt nachäffen wollte, stieß ich mein Bier um. Ich wurde rot. Der Freund zahlte, und wir gingen. „Herzlichen Glückwunsch zu deinem Preis!“ rief ich ihm auf der Straße noch hinterher. Er hat sich nicht mal umgedreht.

Vor meinem Fenster bricht die geschwächte Kastanie zusammen und zermalmt mein Auto. „Mutti, sage ich, rufst du vom Handy an? Die Verbindung ist so schlecht. Ich höre dich nicht mehr.“ Dann lege ich auf und sehe weiter fern. Immer noch deprimiert. Aber jetzt weiß ich wenigstens, warum.

Deprimierend ist im Berliner Herbst fast alles.

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