Depressionen : Robert Enke - Das Spiel und das Leben

"Wir hätten das geschafft", glaubt seine Witwe. Robert Enke glaubte es nicht. Nicht nur in Hannover stehen Wegbegleiter und Fans jetzt vor der Frage: Warum?

Sven Goldmann[Hannover]
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dpa

Das letzte Bild ist Abschied. Vor einem Schaufenster in der Fußgängerzone sammeln sich Menschen, erst fünf, dann zehn, bald zwanzig. Es regnet, was wie eine billige Pointe wirkt an diesem Tag, der die Stadt Hannover so schwer getroffen und vielleicht sogar das ganze Land in einen Schockzustand versetzt hat. Die Menschen haben keine Schirme aufgespannt, sie schauen wie in Trance auf ein Fernsehgerät im Schaufenster. In einer Endlosschleife laufen die letzten Bilder des Fußballtorhüters Robert Enke. Die letzten Paraden, das letzte Gegentor, der letzte Gruß. Robert Enke winkt hinauf zu den Fans, von denen noch keiner wissen kann, dass es ein Abschied für immer sein wird.

Niemand hat es gewusst. Nicht die Kollegen, mit denen er Stunden zuvor noch beim Training gescherzt hat. Nicht der behandelnde Arzt, einer der wenigen, die wussten von der Last, die Robert Enke seit Jahren mit sich herum trug. Nicht Teresa Enke, die mit ihrem Mann schon so viele Krisen durchlitten und fest daran geglaubt hat, „dass uns das zusammengeschweißt hat“ und dass sie auch die nächste Krise gemeistert hätten. „Wir dachten, wir schaffen alles. Wir dachten halt auch, mit Liebe geht das.“

Robert Enke
Der deutsche Nationaltorhüter Robert Enke nahm sich am 10. November 2009 das Leben.Weitere Bilder anzeigen
1 von 24Foto: ddp
10.11.2010 07:28Der deutsche Nationaltorhüter Robert Enke nahm sich am 10. November 2009 das Leben.


Sie haben es nicht geschafft. Die nächste, die letzte Krise hat Robert Enke allein zu einem Ende geführt. Am Dienstagabend, zwei Tage nach dem Spiel gegen Hamburg, hat er sich im Alter von 32 Jahren das Leben genommen.

Man läuft eine Viertelstunde von der Fußgängerzone am Hauptbahnhof zum Hannoveraner Stadion. Schon am Dienstagabend haben sie hier Lichter aufgestellt und getrauert vor einem riesigen Foto Enkes, es ist in Schwarz-Weiß gehalten. Am Tag danach herrscht hier zur Mittagsstunde eine Betriebsamkeit wie sonst nur vor Bundesligaspielen von Enkes Klub Hannover 96. Auffallend viele Kinder und Jugendliche kampieren vor dem Stadion, wahrscheinlich schwänzen sie die Schule, aber niemand schert sich darum an so einem Tag.

Teresa Enke spürt die Anteilnahme. Sie will nicht allein sein in diesen Stunden, aber der Kontakt mit den Massen ist dann doch zu viel für sie. Durch einen Hintereingang betritt sie die große Lounge im Stadion, durch ein riesiges Glasfenster kann man direkt auf den Fußballplatz schauen. Teresa Enke ist eine zierliche Frau, sie wirkt so zerbrechlich, dass man ihr den Arm reichen und sie stützen will, als sie da am Mittwoch um Punkt 13 Uhr auf das Podium in der Lounge tritt.

Ihre äußerliche Erscheinung ist der größte denkbare Kontrast zu ihrem Mut, ihrer Tapferkeit. Ihre Finger arbeiten sich ab an einem Taschentuch, sie führt es ein paar Mal zur Nase, nicht an die Augen. Der Vorrat an Tränen ist aufgebraucht in der zurückliegenden Nacht, die ihr Leben für immer verändern wird.

Auf ihren Wunsch hat Hannover 96 eine Pressekonferenz organisiert. Journalisten aus ganz Deutschland sind nach Hannover gekommen, mehrere Fernsehsender übertragen live. Teresa Enke will sich nicht verstecken, sie will reden. Ihr Mann hat sich immer versteckt, so lange, bis er keinen Ausweg mehr sah. Sie kreuzt die Arme vor der Brust und senkt den Kopf, es friert sie innerlich, die Müdigkeit schlägt auf die Nerven, wahrscheinlich hat sie keine Sekunde geschlafen, seitdem sie am frühen Dienstagabend den Anruf erhalten hat. Nein keine Details, niemand im Publikum traut sich nachzufragen. Die Rekonstruktion der letzten Stunden im Leben des Robert Enke, sie bleibt im Vagen.

Das Unfassbare liegt gut 20 Stunden zurück. Die einsame Autofahrt vom Familienwohnsitz zu einem nahe gelegenen Bahnübergang, Enke hat den Wagen an den Gleisen abgestellt und ist dann ein paar hundert Meter den Schienen gefolgt, bis er den richtigen Ort gefunden hatte. Um 18 Uhr 25 kommt der Regionalexpress aus Bremen. Bei Tempo 160 erreicht er den Bahnübergang Neustadt am Rübenberge. Schemenhaft nimmt der Lokführer auf den Gleisen eine Gestalt wahr, er zieht die Notbremse und kann doch nichts mehr verhindern.

Robert Enke ist sofort tot. Er hat seine Frau allein gelassen mit den Fragen, die sie so dringlich noch hätte stellen wollen. Doch wer kann schon vorgeben zu verstehen, wer will sich anmaßen, über die Motive eines Menschen zu richten, der nicht mehr kann, nicht mehr will? Der so unwiderruflich mit allem abgeschlossen hat, dass er die wichtigsten Menschen seines Lebens zurücklässt mit der Verzweiflung und der nie mehr zu klärenden Frage.

Warum, Robert, warum?

Teresa Enke konnte nicht Abschied nehmen, nicht ein letztes Mal das Gespräch suchen, ihrem Mann zum vielleicht tausendsten Mal die Perspektiven aufzeigen, die das Leben bietet. Sie sagt: „Ich habe doch immer versucht, für ihn da zu sein.“ Vor einem halben Jahr hat die Familie Enke ein Mädchen adoptiert. Leila, zwei Monate alt. Es sollte der Start in ein neues Leben sein, ein neues Familienleben, drei Jahre nach dem Tod von Lara, der leiblichen Tochter, die seit ihrer Geburt an einem schweren Herzfehler gelitten hatte. Leila war Enkes neues Glück, es war ein so großes Glück, dass er am Ende zerbrach an der Angst, er könne es wieder verlieren. Mit bewegter Stimme erzählt Teresa Enke von den Befürchtungen ihres Mannes, das Jugendamt könne ihnen Leila wegnehmen, „weil sie einen depressiven Vater hat“. Teresa Enke hat versucht, dagegen zu argumentieren, „ich hatte doch schon beim Jugendamt angerufen, das wäre überhaupt kein Problem gewesen, Robert war doch in psychologischer Behandlung, wir hätten das geschafft“.

Auf dem Stuhl neben Teresa Enke sitzt Valentin Markser, der Psychologe, bei dem Robert Enke in Behandlung war. Markser leitet eine Praxis in Köln, dort hat ihn Robert Enke vor sechs Jahren zum ersten Mal besucht. Im Sommer 2003, als sich zum ersten Mal jene Dämonen meldeten, die ihn für den Rest seines Lebens nicht mehr losließen. Damals hatte die Karriere des aufstrebenden Torhüters einen ersten Knick erhalten. Ein Gastspiel beim FC Barcelona endete tragisch nach nur einem völlig missratenen Spiel. Enke zog weiter in die Türkei, und auch bei Fenerbahce Istanbul geriet das Debüt zu einem Desaster. Die Fans warfen mit Flaschen und Dosen und Feuerzeugen nach ihm, und schon am nächsten Tag löste Enke den Vertrag auf. „Seit dieser Zeit hat er unter depressiven Versagensängsten gelitten“, sagt der Psychologe. Die Behandlung habe mehrere Monate in Anspruch genommen, „dann hat sich sein Zustand stabilisiert“, worauf Markser die Behandlung zum Abschluss brachte.

Enke spielte wieder Fußball, zunächst beim spanischen Zweitligaklub Teneriffa, später in der Bundesliga bei Hannover 96. Er spielte so gut wie nie, unauffällig, bescheiden, effizient. Vor zweieinhalb Jahren gab er sein Debüt in der Nationalmannschaft und fuhr im Sommer 2008 mit zur Europameisterschaft, noch vor ein paar Monaten galt er als die deutsche Nummer 1 für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Südafrika.

Robert Enke wirkte stabil und in sich ruhend, aber die Dämonen, sie waren nicht besiegt. Depressionen sind nicht heilbar, man kann nur versuchen, sie so gut wie möglich unter Kontrolle zu halten. Enkes Fassade hielt nur, so lange es aufwärts ging, Rückschläge waren nicht eingeplant, doch sie kamen, in Gestalt von Krankheit und Verletzungen. Andere Torhüter formulierten ihren Anspruch auf den Stammplatz in der Nationalmannschaft. Vielleicht wähnte sich Robert Enke erneut vor einem Kampf, dem er sich nicht gewachsen fühlte. Die Versagensängste kamen zurück.

Fünfeinhalb Jahre lang hatte Valentin Markser nichts gehört von Robert Enke, bis sie sich vor ein paar Wochen wieder in der Kölner Praxis gegenüber saßen. Mehrere Tage blieb Enke in Köln. Markser sah wohl den Ernst der Lage, er regte eine stationäre Behandlung ab, aber diesmal verweigerte sich der Patient. Er wollte zurück nach Hannover, zurück auf den Fußballplatz, „es war so wichtig für ihn, mit der Mannschaft zu trainieren, mit den Jungs Spaß zu haben“, erzählt Teresa Enke. Vor zehn Tagen stand er wieder im Tor und feierte bei seinem Comeback einen 1:0-Sieg in Köln. Enke wirkte gelöst, auch bei seinem letzten Spiel am Sonntag gegen den Hamburger SV, es endete 2:2.

Gab es kein Signal, das die Kollegen, die Frau, den Arzt hätte warnen können, müssen? Nein, sagt Valentin Markser, und er fügt hinzu, dass depressive Patienten im Laufe ihrer Krankheit Mechanismen entwickeln, „mit denen sie ihre Umwelt täuschen können“. Gerade wenn sie unbedingt wollen, dass niemand von ihrem Problem erfährt. Genau so sei das bei Robert Enke gewesen. Markser zitiert aus dem Abschiedsbrief, „Robert hat sich bei seiner Familie und seinem Arzt dafür entschuldigt, sie über seinen Zustand in den vergangenen Wochen getäuscht zu haben, um seine Selbstmordpläne verwirklichen zu können.“ Ja, sie haben über Selbstmord gesprochen, „aber er hat sich immer glaubhaft davon distanziert.“ Deswegen sei auch eine Einweisung in ein Krankenhaus nicht zwingend nötig gewesen.

Mit gesenktem Blick erträgt Teresa Enke, wie die Details ausgebreitet werden, die ihr Mann so strikt vor der Öffentlichkeit verbergen wollte. Nach 18 Minuten ist die Kraft aufgebraucht. Durch den Hintereingang verlässt sie die Lounge. Ein letztes Mal geht ihr Blick hinunter, durch die riesige Glasfront, hinaus auf das weiße Tor auf dem grünen Rasen, den Arbeitsplatz ihres Mannes. „Fußball war alles für ihn“, sagt Teresa Enke zum Abschied, „Fußball war sein Leben, sein Lebenselixier“. Wahrscheinlich denken in diesem Augenblick alle dasselbe in der überfüllten Lounge des Stadions. Dass das Elixier nicht stark genug war, Robert Enke am Leben zu halten.

Teresa Enke hat das Stadion längst verlassen, die Trauergemeinde harrt aus. Erst am späten Nachmittag zieht sie weiter in die Innenstadt, durch die Fußgängerzone am Hauptbahnhof und weiter bis zur Marktkirche. Eine Delegation des Deutschen Fußball-Bundes hat sich in Bonn auf den Weg gemacht, kurz nachdem das für Samstag geplante Länderspiel gegen Chile abgesagt worden ist. Kurz vor sechs fährt die schwarze Limousine vor. DFB-Präsident Theo Zwanziger geht voran, ihm folgen Bundestrainer Joachim Löw, Manager Oliver Bierhoff, Kapitän Michael Ballack. Alle warten sie, bis Teresa Enke ihren Platz in der ersten Reihe einnimmt. Ballack nimmt die Witwe in den Arm. Niemand sagt ein Wort.

Die Marktkirche ist das Wahrzeichen Hannovers, ein Backsteinbau aus dem 14. Jahrhundert, dessen 97 Meter hoher Turm der Innenstadt ihr Gesicht gibt. Am Mittwochabend ist die Kirche so gut gefüllt wie zu Weihnachten oder Pfingsten. Margot Käßmann führt hier als Landesbischöfin das Wort. Die Andacht für Robert Enke ist ihr erster großer Auftritt, seitdem die Evangelische Kirche in Deutschland sie vor zwei Wochen zu ihrer Ratsvorsitzenden gewählt hat. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln… Zwanziger spricht das Gebet mit, Ballack schließt die Augen und fährt sich mit der Hand übers Gesicht. Margot Käßmann predigt ruhig, mit Emphase, aber ohne Pathos. „Es ist gut, dass wir hier zusammenkommen und miteinander schweigen. Manchmal kann Stille sehr heilsam sein.“ Sie sucht und findet den Zugang zu den Fußballfans. „Du wirst nicht alleine sein, you’ll never walk alone“ – gleich viermal zitiert sie die Hymne, die in allen Stadien dieser Welt zu bewegenden Anlässen gesungen wird.

In der ersten Reihe gibt Teresa Enke den Kampf gegen die Tränen auf. Der Tag war lang und hart, sie kann nicht mehr. Ein paar Meter vor ihr entzündet Margot Käßmann die Trauerkerze. Theo Zwanziger steht auf und tritt zur Flamme, es sieht beinahe so aus, als wolle er sich die Hände wärmen, dabei steckt er nur ein Teelicht an. Es ist ein Licht für Robert Enke. Immer mehr Trauergäste stehen auf, für jeden ist ein Licht da, für Ballack, Bierhoff, auch die harten Jungs in den Lederkutten reihen sich ein, Tränen laufen über ihre Wangen. Teresa Enke verschwindet in der Menge.

Langsam leert sich die Marktkirche. Die Trauergemeinde zieht hinaus in die Dunkelheit, zum Schweigemarsch durch die Innenstadt bis zum Stadion, 35 000 Menschen sind es jetzt. Es ist kurz vor halb sieben. Genau 24 Stunden, nachdem Robert Enke in Neustadt am Rübenberge aufs Gleis gegangen ist. 

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